"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Papst, der Professor und der lange Schatten einer Rede" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 28.11.2006

Graz (OTS) - Frostiger könnte ein Empfang kaum sein. Nur zehn Prozent der Türken finden es schön, dass der Papst zu ihnen kommt. 68 Prozent lehnen den Besuch ab, sagt eine Umfrage. Religionsminister Baskani Bardakoglu verlangte am Tag vor der Ankunft des Gasts noch einmal klare Worte zu seiner Regensburger Rede. Dass Benedikt XVI. die wiederholt gefunden hat, wird ihm in Ankara nichts nützen. Er wird sich wieder stellen müssen.

Gewiss, das Wichtigste hat Benedikt XVI. schon Tage nach dem Regensburger Auftritt gesagt: die zitierten Worte des byzantinischen Kaisers Manuel, der Prophet habe "nur Schlechtes und Inhumanes" in die Welt gebracht, seien nicht seine persönliche Ansicht. Das hätte schon im Redetext stehen müssen, nachgereicht wirkt es immer ein bisschen weniger glaubwürdig.

In der Türkei könnte der Papst Inhaltliches nachreichen. Kaiser Manuel, den Professor Ratzinger zitierte, warf dem Propheten vor, die Muslime zur Verbreitung des Glaubens mit Feuer und Schwert aufgefordert zu haben. "Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert", hielten die muslimischen Unterzeichner eines Versöhnungsdokuments dem Papst entgegen - ein Jesuszitat, das Christen über viele Jahrhunderte als Rechtfertigung für allerlei Gemetzel gelesen haben. Istanbul, das selbst Opfer plündernder Kreuzfahrerheere geworden ist, wäre ein guter Ort, daran zu erinnern.

Auch über die verschlungenen Pfade der Vernunft könnte der Papst etwas nachtragen. Er könnte daran erinnern, wie die Schätze griechischer Weisheit durch arabische Denker gerettet, übersetzt und tradiert worden sind. Er könnte erwähnen, wie viel die scholastische Theologie Muslimen verdankt.

Benedikt könnte sich aber auch selbst zitieren. "Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen", sagte er beim Weltjugendtag in Köln, "kann nicht auf ein freiwilliges Extra reduziert werden. Er ist in Wirklichkeit eine Lebensnotwendigkeit, von der unsere Zukunft in großem Maße abhängt."

Auch eine bayerische Rede böte sich an: "Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schließt die Ehrfurcht vor Gott ein - die Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist", hat Benedikt bei der Messe in München formuliert. Das war an die eigene Gesellschaft gerichtet, die in den Augen des Papstes den Respekt vor dem Heiligen verloren hat. In der Türkei bekäme der Satz einen anderen Sinn, genauso richtig und dazu noch versöhnlich. Auch ich, auch wir haben Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist.****

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