"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Beisl und die Prärie" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 26.11.2006

Graz (OTS) - Manchmal kommt man als Zeitung in die marktwirtschaftlich ungute Situation, gegen seine Leser argumentieren zu müssen. In der Debatte über das geplante Rauchverbot in öffentlichen Räumen ist das passiert. Wir halten die Maßnahme für sinnvoll. Nicht wenige Leser haben uns dafür gescholten. Sie verbaten sich die Intensität der Berichterstattung. Sie fühlen sich bevormundet.
Richtig ist: Mit den Mitteln der Inquisition lässt sich weder Bewusstsein herstellen noch eine Mehrheit.Es wäre auch ungerecht, Rauchern pauschal Rücksichtslosigkeit anzulasten. Wer je auf Flughäfen beobachtet hat, wie Menschen, die sich völlig fremd sind, auf engstem, markiertem Raum zusammen stehen und ihrem Laster frönen, weiß, dass Rauchende sehr behutsam sein können.
Dennoch darf angenommen werden, dass auch sie gerne ein toxisch unbelastetes Lokal betreten. Und die These hinter der Theke, wonach saubere Luft die Umsätze bedroht, verdient zumindest ein Fragezeichen. Zu prüfen wäre, ob nicht das Gegenteil zutrifft. Dass man ohne gerötete Augen gerne länger sitzen bleibt.
Gegen die virile Ästhetik eines Zigarettenzugs auf dem Marlboro-Sattel in der weiten Prärie ist wenig einzuwenden. Hier gilt in vollen Zügen das Recht auf lustbetonte Selbstbestimmung. Unsere Prärie ist aber das Beisl oder das Büro. Da reitet mehr als einer, und die anderen reiten unfrei mit. Hier kollidiert das Freiheitsrecht der einen mit dem Schutzanspruch der anderen. Es ist nicht gouvernantenhaft vom Staat, zu sagen: Ich greife ungern ein in die Lebensführung des Einzelnen, aber ich muss die Freiheit dort begrenzen, wo sie die Freiheit (und Gesundheit) der anderen beeinträchtigt. Das Interventionsrecht ist legitim, und es ist ein Ärgernis, dass die Regierung der Wende, die sonst ein recht intimes Verhältnis zum Unpopulären hatte, hier so verzagt und mutlos agiert hat.
Man bräuchte keinen Staat, wäre der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen. Tendenziell neigt er zur Unvernunft, trinkt zu viel, isst zu viel, fährt zu schnell. Der Staat ist nicht dazu da, jede Unvernunft zu reglementieren, das wäre schlimm, aber er soll die Gemeinschaft dort schützen, wo gewollte Unvernunft ungewollte Folgen für andere hat. Das ist sein Job.
Rauch ist ein sinnlicher Akt der Unvernunft. Man wird schneller krank und schneller alt. Und so wahnsinnig reflexiv und revolutionär ist es auch nicht. Sonst wäre jede Kneipe eine Denkerstube oder Revolutionszelle. Ist sie aber nicht. Sie ist nur verraucht, und dieser Zumutung gehört ein Ende gesetzt. Die Freiheit wird nicht vor die Hunde gehen. Auch frei zu atmen kann schön und sinnlich sein. ***

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