OVS111: Konsumenten pushen Markt für mobile Anwendungen

"Privatkunden lieben Fernsehen und Video on demand" - Medien- und Werbeindustrie muss "Geschäftsmodell neu erfinden" - Daten Roaming wird "um Potenzen billiger"

Wien (OTS) - Unterwegs E-Mails abzurufen, Musik zu hören und am Handy fernzusehen wird bald zum Alltag - auch für Privatkunden. Das bringt große Herausforderungen sowohl für Mobilfunker als auch die Werbe- und Medienindustrie mit sich, erklärte Michael Bartz vom IT-Beratungsunternehmen Capgemini bei einer Podiumsdiskussion der APA-E-Business-Community gestern, Donnerstag, Abend in Wien.

"Im Geschäftskundensegment ist allen bewusst, dass Datenkarten, mobile E-Mails und - mit langsamer Geschwindigkeit - auch mobil verfügbare Applikationen den Markt erobern. Diese Welle erreicht nun auch die Klein- und Mittelunternehmen. Eine Revolution findet jedoch im Konsumentenmarkt statt", so Bartz. Die Privatkunden seien bereit, mehr Geld auszugeben. Außerdem würden Generationswechsel und "kollektives Lernen" zu einer größeren Offenheit gegenüber neuen Medien führen.

Als größte Umsatzbringer sieht der Berater mobiles E-Mail, Video, TV, Musik und Personalisierung. Letztere würde bis 2008 für einen globalen Umsatz von rund sieben Mrd. Euro sorgen und sei ein "trojanisches Pferd und wunderbarer Werbeträger für Aktionen wie den aktuellen James Bond-Filmstart". Bereits 2004 erreichten die Klingelton-Verkäufe in Großbritannien 174 Mio. Euro, bei weitem mehr als die 80 Mio., die für CD-Singles ausgegeben wurden. Außerdem erwerben 3,75 Millionen britische Kunden heute bereits mehr als eine Million Audio-Tracks und Musik-Videos pro Monat.

Die Geschwindigkeit, mit der beispielsweise mobiles TV dieses Kundensegment erobere, sei "atemberaubend". "Privatkunden lieben Fernsehen und Video on demand", meint Bartz. Ein Umschwung von MP3-Playern auf die oft spöttisch als "Mäusekino" bezeichnete Anwendung zeichne sich ab und soll zu einer Verdoppelung der Umsätze bis 2009 in diesem Bereich führen. Jeder zweite Europäer zeige Interesse daran und werde mobiles TV wahrscheinlich vor allem in Wartesituationen nutzen. In Frankreich seien beim Mobilfunker Orange bereits 50 Live-Kanäle zu empfangen. Ein halbes Jahr nach dem Start habe jeder zweite 3G-User am Handy ferngesehen. Und bei der finnischen Sonera wurden sogar 90 Prozent der Neukunden Abonnenten der Mobile-TV-Services.

Mobiles Marketing auf dem Vormarsch

Als ebenso dramatisch schätzt Bartz die Auswirkungen auf die Medien- und Werbeindustrie ein. "Hier wird derzeit das Geschäftsmodell neu erfunden. Die Ausgaben verlagern sich: Coca Cola gibt bereits geschätzte 1,5 Mrd. US-Dollar für mobiles
Marketing aus." Aber auch die Telekombranche sei einem "unglaublichen Innovationszwang ausgesetzt". "Verschiedene
Kanäle und Formate, Rechte-Management oder Abrechnung sind schwierig zu managen. Klar ist, dass Daten auf Kosten der Sprache weiter zulegen", so Bartz. Auf den Philippinen würde schon die Hälfte des Umsatzes mit Daten eingefahren, Hutchison 3G in Großbritannien komme immerhin auf 39 Prozent.

Gute Chancen bei mobilem Fernsehen gibt Bartz maßgeschneiderten Programmen, die mit interaktiver Werbung verknüpft werden. "Aber da müssen Medien, Mobilfunker und die Werbeindustrie zusammenarbeiten." Er kenne keinen "destruktiveren Handymarkt als den in Österreich". Dazu habe die "fehlgeleitete Liberalisierung" beigetragen und dies schade nun der Innovation. "Die Mobilfunker müssen intelligent genug werden, um in der Wertschöpfungskette mitschneiden zu können. Im Vordergrund darf nicht mehr die Frage stehen, wie viel man vom Endkunden bekommt." Auch Web 2.0-Anwendungen, denen er ein "explosionsartiges Wachstum" voraussagt, würden nicht nur Potenzial für Internetbetreiber, sondern auch für Telcos bieten. Der Mobilfunker "3" habe mit "SeeMe TV" in Großbritannien große Erfolge verzeichnet: Dabei wird den Machern für jeden Abruf von selbst produzierten Videos Geld gezahlt. Das Resultat sind eine Million Downloads pro Monat.

Österreich ist Nummer eins bei Datenkarten

Diesen Trend kann auch Andreas Szamosvari von T-Mobile Austria bestätigen. "Wir verzeichnen beim mobilen E-Mail-Abruf Wachstumsraten von 50 Prozent pro Monat. Bei Datenkarten, Netztechnologie und Abdeckung im Bereich Breitband für unterwegs ist Österreich europaweit die Nummer eins", so Szamosvari. Inzwischen seien hierzulande zwischen 200.000 und 250.000 Karten am Markt. "In anderen Bereichen tut sich weniger. Wenn man alles anbietet, was die Technologie hergibt und Innovation um jeden Preis durchsetzen will, verliert man Kunden", so der Manager. T-Mobile konzentriere sich inzwischen auf Zugang, Standardisierung und einfache Nutzung - "und damit auf das Kerngeschäft". Dadurch hätten Contentanbieter und Anwendungsentwickler mehr Spielraum.

Beim Daten Roaming - also dem Abruf im Ausland - seien die Einkaufspreise "exorbitant hoch", was sich natürlich auch an den Endkonsumentenpreisen zeige. "Das wird innerhalb eines Jahres garantiert um Potenzen günstiger", prognostiziert Szamosvari. Schließlich sei das Problem auch schon von EU-Wettbewerbsexperten erkannt worden. So wie in den vergangenen Jahren der Mobilfunk das Festnetz zurückgedrängt habe, werde künftig das mobile Internet dem fixen Breitbandzugang Marktanteile abnehmen.

"Kein Mensch hat vor drei Jahren daran geglaubt, dass heuer laut Studie bereits 20 Prozent das mobile Bahnticket der ÖBB nutzen", erklärte Roland Tauchner von Dimoco. Diese Offenheit für Neuerungen im M-Business sei auch notwendig, um neuen Ideen zum Erfolg zu verhelfen. "Österreich ist sehr innovativ, auch wenn man die verschiedenen Bereiche differenziert sehen muss. Wir haben Ski-Ticket-Lösungen, andere Länder halt in anderen Bereichen einen Vorsprung", stellte Tauchner fest.

Hürden auf dem Weg zum Erfolg

Chris Budgen von diamond:dogs sieht vor allem die Mobilfunker unter Druck: "Zukünftige Umsätze werden verstärkt über die Vermarktung von Inhalten und Applikationen generiert werden müssen." Die größten Hürden dabei seien die Beschränkung der Endgeräte bei Dateneingabe, -anzeige und -ausgabe, die dem User starke Barrieren auferlegen, und die Betreiberportale am Endgerät, die das Angebotswachstum und somit die Branchenentwicklung verhindern würden. "Das Fehlen eines Content-Enablers wie Google im Web macht Content außerhalb dieser Handyportale praktisch unerreichbar", kritisierte Budgen.

Zumindest bei Geschäftskunden werde das, was die Menschen heutzutage im Internet erledigen, auf das Mobiltelefon wandern, sagte Alexander Szlezak von Gentics voraus. Intelligente mobile Dienste seien für den Information Worker - vor allem im Vertrieb und im Kundenservice - die Erweiterung der Unternehmensportale im Web: "Das ermöglicht personalisierte Informations-, Kommunikations- und Businessdienste rund um die Uhr an jedem Ort der Welt. Mobile Services werden in Österreich sogar schon auf der Baustelle eingesetzt", so Szlezak.

Eine große Nachfrage nach diesen Anwendungen für unterwegs ortet auch Robert Ludwig von NextiraOne Austria. "Ob es sich um Urlaubsreisen, Geschäftsprozesse oder Mitarbeiter eines Unternehmens handelt - alles hat bereits oder braucht neue Mobilitätslösungen", erklärte Ludwig. Voraussetzung, um mit dem globalen Wettbewerb Schritt halten zu können, seien eine professionelle Infrastruktur gepaart mit dem richtigen Angebot an Dienstleistungen. Nicht vergessen werden dürfe dabei auch auf die Sicherheit der Anwendungen.

"Die Technologie funktioniert schon lange. Allerdings muss nun das Kundenbedürfnis geweckt werden. Dem Zwang, unbedingt eine Killer-Applikation finden zu müssen, sollte man nicht nachgeben", ist Edwin Ronacher von Kapsch CarrierCom überzeugt. Mobile und vor allem konvergente Anwendungen würden vermehrt Anklang finden und ermöglichten es den Unternehmen, sich auf Ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren.

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