"Kleine Zeitung" Kommentar: "Studiengebühren als Testfall, wie die SPÖ Probleme angeht" (Von Norbert Swoboda)

Ausgabe vom 24.11.2006

Graz (OTS) - Josef Broukal ist also wieder einmal vorgeprescht:
Ein überraschendes Ja zu Studiengebühren warf er via Kleine Zeitung in die Diskussion. Die Gebühren sollten allerdings - und das ist neu - erst nach dem Studium von jenen zurückgezahlt werden müssen, die einen gut bezahlten Job haben. Das australische Modell also.

Die Irritation in seiner eigenen Partei ist groß. Der eigentliche SP-Koalitionsverhandler für die Bildung, Hans Niessl, ruderte sofort zurück. Als "Privatmeinung" tat er den Vorschlag Broukals ab.

Die Studenten sind erbost: Wird das SP-Wahlversprechen schon vor den Koalitionsverhandlungen gebrochen? Die Idee eines kreditfinanzierten Studiensystems wird in Bausch und Bogen abgelehnt.

Aber warum eigentlich? Das Modell hat eine Reihe von interessanten Aspekten.

Es lohnt sich, das australische Modell (das die Labour-Partei vor 17 Jahren eingeführt hat) näher zu betrachten. Die Zahlungsleistung wird in die Berufslaufbahn verschoben. So entsteht auch Kindern aus ärmeren Schichten kein Nachteil aus Studiengebühren. Sie bezahlen erst, wenn sie wohlsituierte Mediziner oder Rechtsanwälte sind.

Das ist nur recht und billig. Akademiker sind in vieler Hinsicht privilegiert: Sie haben besser bezahlte, eigenständigere Jobs, und die Akademikerarbeitslosigkeit ist marginal im Verhältnis zu anderen Bevölkerungsgruppen. Warum soll die Billa-Verkäuferin den Grundstein für späteres Managergehalt mit ihren Steuern alleine zahlen?

Selbst die Studenten in Australien sehen das so. Und wenn Gebühren zu besseren Studienbedingungen führen, sei eine Rückzahlung nur fair.

Tatsächlich spricht viel für den Vorschlag. Bildung als Wert wird ganz anders anerkannt, wenn damit konkrete Kosten verbunden sind. Die Studiendauer sinkt, die Eigenverantwortung steigt. In Ländern mit Studiengebühren (und einem ausgebauten Stipendiensystem) studieren mehr Kinder aus ärmeren Schichten als bei uns in Mitteleuropa.

Man muss ja nicht die australischen Fehler machen: Dort zog sich der Staat immer mehr aus der Finanzierung zurück. Die Gebühren mussten erhöht und die Rückzahlungsschwelle deutlich erniedrigt werden.

In der Wahlauseinandersetzung hat sich die SPÖ weit hinausgelehnt mit dem Versprechen, die Studiengebühren abzuschaffen. Woher die Mittel kommen sollten, wurde aber nicht dazugesagt. Die Frage ist ein Testfall für die Problemlösungskompetenz der Partei, und da können solche Anregungen nur hilfreich sein. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001