"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Gauner in den Chefetagen" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 24.11.2006

Wien (OTS) - Mehr als hundert Millionen Euro sollen bei Siemens in den letzten Jahren über diverse Auslandskonten in Schwarzgeldkassen geflossen sein. Wenngleich für alle Beschuldigten selbstverständlich die Unschuldsvermutung gilt, sind sich doch alle einig: Es stinkt nach Korruption.
Etliche Manager sind bereits verhaftet worden, andere sind noch oder schon wieder auf freiem Fuß. Vom Leiter des Griechenland-Geschäfts der Sparte Telekommunikation - auch für ihn die Unschuldsvermutung -hat sich Siemens im April getrennt. Unmittelbar vorher war gegen den Konzern in der Schweiz ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche eingeleitet worden.
Damit schließt sich der Kreis. Griechenland nimmt im "Internationalen Korruptions-Index" Platz 54 ein. Das EU-Land liegt damit hinter Lettland und Litauen und ungefähr gleichauf mit Costa Rica und Namibien. Österreich ist übrigens auf Platz elf, Deutschland auf Platz 16.
Das sagt alles. Erfahrene Geschäftsleute versichern glaubwürdig, dass in Griechenland bei öffentlichen Aufträgen Bestechung geradezu Voraussetzung für erfolgreiche Vertragsverhandlungen ist. Die Finanzämter akzeptieren solche Geldflüsse in ein EU-Land aber nicht als abzugsfähige Kosten, also muss Schwarzgeld her.
Fliegt der Deal auf, wird es für die handelnden Personen eng. Siemens weiß aber, was sich gehört: Der Konzern und der gefeuerte Manager in Griechenland haben in einem Aufhebungsvertrag vereinbart, "gegenseitig keine Ansprüche geltend zu machen".
Das eigentliche Problem sind aber gar nicht die Schmiergeldzahlungen selbst, sondern das Umfeld, das sie schaffen. Manager können sich beim Anlegen "schwarzer Kassen" ziemlich gefahrlos ein Nebeneinkommen abzweigen; die Konzernzentrale darf ja nicht riskieren, die Gauner in den Chefetagen zur Rechenschaft zu ziehen.
Schwarze Kassen, Untreue und Korruption sind untrennbar miteinander verbunden. Letztlich sind auch die Lustreisen, zu denen das VW-Management die Konzernbetriebsräte eingeladen hat, nichts anderes gewesen als Bestechung. Der Vorstand hat sich damit das Wohlwollen für unpopuläre Entscheidungen erkauft.
Je schärfer die Justiz durchgreift, desto größer ist die Chance, dass die Korruption allmählich zurückgedrängt wird. Ganz verschwinden wird sie nie. "Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft", heißt es im Sprichwort. Wie klein die Geschenke sein müssen, um die Grenze zur Bestechung nicht zu überschreiten, wird in jedem Kulturkreis anders beurteilt. Selbst große Konzerne wie Siemens haben es offenbar noch nicht geschafft, mit diesen Aspekten der Globalisierung fertig zu werden.

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