WirtschaftsBlatt Kommentar vom 20.11.2006: Das Angebot des Handels ist kein Geschenk - Arne Johannsen

Was wie ein Eigentor aussieht,ist tatsächlich einbrillanter Schachzug

Wien (OTS) - Die 50 Tage, die seit dem Wahlsonntag vergangen sind, waren zäh, beklemmend - aber nicht nur leere Kilometer. Einige wenige haben daraus gelernt, wie man auch Stillstand nutzen kann. So etwa der Chefverhandler der Arbeitgeber im Handel, Alois Wichtl.
Keine Einigung, Abbruch der Verhandlungen, nicht einmal die Vereinbarung eines neuen Gesprächstermins - was sich nach Koalitionsgesprächen zwischen SPÖ und ÖVP anhört, ist das Ergebnis -besser: Nicht-Ergebnis - der Gehaltsverhandlungen in der Handelsbranche. 2,2 Prozent mehr haben die Arbeitgeber angeboten. Zu wenig, sagt die Gewerkschaft, ohne allerdings eine konkrete Gegenforderung zu stellen.
Was also tun, wenn alles steht? Das Dilemma des Wolfgang Schüssel vor Augen, der sich in einem Geflecht von immer neuen Forderungen, Ansprüchen und Auflagen verheddert und mit jedem Schritt mehr an Verständnis, Wohlwollen und Sympathie verliert, hat sich Wichtl zu einem mutigen Schritt entschlossen: Er hat die Unternehmen aufgefordert, per 1. Jänner eine freiwillige Lohnerhöhung von 2,2 Prozent vorzunehmen.
Was auf den ersten Blick wie
ein klassisches Eigentor (haben die etwas zu verschenken?) oder zumindest wie vorgezogenes Weihnachtsgeschenk aussieht, ist in Wahrheit ein brillanter Schachzug. Die Arbeitgeber nutzen das Vakuum, um Fakten zu schaffen - und zwar positive Fakten, nämlich mehr Geld für die Mitarbeiter.
Die Gewerkschaft, die effektvoll vom Verhandlungstisch aufgestanden ist, steht plötzlich im Abseits. Aufgrund des hohen Anteils an Halbtags-, Vierteltags- und stundenweise Beschäftigten gehört der Einzelhandel ohnehin nicht zu den gewerkschaftlichen Bollwerken. Und jetzt wird die Konfliktbereitschaft noch geringer werden. Denn viele Verkäuferinnen und Verkäufer werden sich überlegen, ob sie nicht lieber kampflos die 2,2 Prozent nehmen statt sich auf quälende "Aktionstage" einzulassen, bei denen am Ende vielleicht
2,4 Prozent herausschauen.
Wer immer nur ausgetretene Pfade benutzt, wird nie zu neuen Orten kommen. Die Handels-Arbeitgeber haben mutig Neuland betreten. Auch wenn die meisten Handelsketten auf Verhandlungen und ein "richtiges" KV-Ergebnis pochen, zeigt der unkonventionelle Schritt, dass nicht automatisch derjenige verliert, der sich in festgefahrenen Verhandlungen zuerst bewegt. Eine Erkenntnis, die auch den Koalitionsverhandlern gut tun würde.

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