"Kleine Zeitung" Kommentar "Gusenbauer setzt beim Roulett auf Schwarz - mit Gewinngarantie" (Von Claus Albertani)

Ausgabe vom 18.11.2006

Graz (OTS) - Jetzt haben wir sie also, die große Koalition. Zwar noch nicht mit Unterschrift und Siegel, aber kommen tut sie, um jeden Preis. Und der wird hoch sein: Monetär für die Steuerzahler, denn je größer die Koalition, umso höher die Kosten. Das Motto "kriegst du a Million, krieg i a ane" hat sich in früheren Jahrzehnten bewährt.

Aber auch politisch wird der Preis enorm sein, vor allem für die ÖVP. Eine bessere Verhandlungsposition als jene von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer wird es nie mehr geben: Die ÖVP hatte vor gut zwei Wochen den Verhandlungstisch mit großen Gesten und lautem Wehklagen verlassen. Einem potenziellen Partner, der am Vormittag im Parlament mit anderen Parteien koaliert, könne man bei Verhandlungen am Nachmittag nicht trauen, lautete die Botschaft.

Nun sitzt die ÖVP plötzlich wieder am Verhandlungstisch. Die beiden Parteichefs, die sich bei der Angelobung des Parlaments noch eisig begrüßt hatten - und selbst das nur für die Kameras - geben sich seit gestern jovial und zuversichtlich.

Bei Gusenbauers Beratern müssen gestern die Champagnerkorken nur so durch die Gegend geflogen sein: Ohne substanzielle Zugeständnisse der SPÖ ist die ÖVP zurückgekehrt. Wenn er nicht vollkommen das Gesicht verlieren will, wird Schüssel nicht mehr vom Tisch ohne vorherige Einigung aufstehen können. Weil das auch Gusenbauer weiß, wird er den Preis für die ÖVP exorbitant in die Höhe treiben.

Diesen Preis zu bezahlen war die ÖVP bereit. Zumindest jene Mehrheit im Parteivorstand, die die Kursumkehr beschlossen hat: Den politischen Preis erst bei der nächsten Wahl zu bezahlen war ihnen lieber als die unmittelbare Gefahr, auf der harten Oppositionsbank zu landen - weit entfernt von den Futtertrögen der Ministerien und der angeschlossenen Organisationen. In Abwandlung von Bert Brecht möchte man sagen, das Kassieren kommt vor dem aufrechten Gang.

Natürlich hat die SPÖ auch nachgeben müssen: bei den Abfangjägern, bei den Untersuchungsausschüssen, bei der zugesicherten Akzeptanz der Ergebnisse des schwarz-orangen Regierens. Das war der Einsatz beim politischen Roulett - Gusenbauer hat alles auf Schwarz gesetzt. Wenn man weiß, dass die Kugel ganz sicher dort landet, kassiert man bei jedem Einsatz zumindest das Doppelte.

Dennoch: Auch Gusenbauer ist ein Gefangener seiner Position. Auch er kann es sich nicht mehr leisten, ohne Einigung mit der ÖVP vom Tisch aufzustehen. Sonst wäre er persönlich an der Regierungsbildung gescheitert. ****

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