WIFO-Weißbuch: Vom Imitator zum Spitzenreiter

Forschung und Innovation als Motor des Wachstums

Wien (WIFO) - "Eine künftige Bundesregierung muss auch weiterhin in Forschung, Technologie und Innovation investieren, um die Wachstumschancen der österreichischen Unternehmen zu verbessern. Allein um das EU-Ziel -Forschungs- und Entwicklungsausgaben von 3% des BIP - zu erreichen, müssen die öffentlichen Ausgaben um rund 11% p. a. steigen. Diese Ausgabensteigerungen sind aber erst dann sinnvoll, wenn das österreichische Innovationssystem in der Lage ist, diese Mittel effizient zu verarbeiten. Dazu sind radikalere Innovationsanstrengungen der Unternehmen notwendig, markante Reformen im Bildungssystem und insbesondere im Universitäts- und Hochschulbereich Voraussetzung. Ohne eine Veränderung der Organisation der Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik wird es auch nicht möglich sein, diese horizontalen Politikmaßnahmen zu implementieren", sagte der stellvertretende Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), Hannes Leo.

Für eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums muss der Bereich der Spitzen- und Hochtechnologie wachsen. Die reine Anwendung und geringfügige Weiterentwicklung neuer Technologien kann lediglich den Status-quo sichern, nicht jedoch zusätzliches Wachstum generieren. Die große Herausforderung an das österreichische Innovationssystem besteht heute darin, mehr Unternehmen zu radikaleren Innovationen an der technologischen Front zu motivieren.

In einem erfolgreichen technologischen Aufholprozess hat sich Österreich der technologischen Spitzengruppe angenähert. Lag Österreich Anfang der neunziger Jahre bezüglich der meisten Technologie- und Innovationsindikatoren unter oder höchstens im Durchschnitt der EU, ist es mittlerweile ins Mittelfeld, teilweise sogar ins Spitzenfeld aufgerückt. Im Ranking der EU-Länder (European Innovation Scoreboard) nimmt Österreich heute Rang 5 ein.

Dieser Aufholprozess erfolgte durch eine Intensivierung der Forschungs- und Entwicklungsausgaben innerhalb bestehender Strukturen, ohne dass ein Strukturwandel in Richtung Hochtechnologiebranchen in Gang gekommen wäre. Der Anteil des (eng definierten) High-Tech-Sektors an den Forschungsausgaben und an der Wertschöpfung nahm im letzten Jahrzehnt sogar leicht ab. Lediglich die Branche der wissensintensiven Dienstleistungen expandierte.

Eine Voraussetzung für die Neuausrichtung der Entwicklung - von einer Aufholstrategie zu einer Positionierung unter den Spitzenreitern - sind Veränderungen im österreichischen Bildungs- und Forschungssystem. Humankapital ist zentral für Innovationsprozesse und für eine Verbesserung der Wachstumsaussichten. Neue Ideen können nur mit Hilfe hochqualifizierter Arbeitskräfte umgesetzt werden. Daher ist eine deutliche Verbesserung des Bildungssystems in quantitativer und qualitativer Hinsicht eine Bedingung für eine "Front-Running"-Strategie. Überdies müssen die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen verstärkt ihre Rolle als Kooperationspartner für die Wirtschaft und als Impulsgeber für gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen. Dies kann die Innovationskraft direkt beeinflussen, wenn der Technologietransfer zwischen Unternehmen, Forschungsinstituten und Hochschulen gut funktioniert. Universitäten spielen auch eine wesentliche Rolle für regionale Entwicklungsprozesse.

Empfehlungen

- Weiterentwicklung der Reorganisation des österreichischen Innovationssystems, damit strategiegeleitete Politik möglich wird:
Dies bedingt eine Reduktion der zuständigen Ministerien, eine Klärung der Kompetenzen und Zuständigkeiten, eine Definition der Interaktion mit ausgelagerten Institutionen (insbesondere im Fördersystem), die Schaffung von Informationen über die tatsächliche Mittelverwendung in für die Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik relevanten Kategorien und die Erarbeitung einer verbindlichen, institutionenübergreifenden Strategie.

- Deutliche Verbesserungen im Forschungs- und Ausbildungssystem sind eine elementare Voraussetzung für die Steigerung der Wachstums- und Beschäftigungschancen. Daher müssen sowohl die Qualität und Quantität der Absolventen als auch der Forschungsoutput und die Interaktion von Forschungseinrichtungen mit der Wirtschaft und Gesellschaft gesteigert werden.

- Der Reformbedarf in der direkten Innovationsförderung muss folgende Themen explizit behandeln: die Förderung von Klein- und Mittelbetrieben (Aufnahme und Ausweitung von Innovationstätigkeit), die Unterstützung von radikalen und risikoreichen Innovationsstrategien, die Gründung von Unternehmen, die Forcierung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und die Etablierung von gesellschaftlich relevanten Programmen, in denen Forschung und Technologieentwicklung eine wichtige Rolle spielen ("missionsorientierte" Programme).

- Auch wenn in den bisherigen Ausführungen vor allem die Neupositionierung von Innovations- und Forschungsaktivitäten herausgestrichen wurde, darf nicht vergessen werden, dass die schnelle Verbreitung von neuen Technologien ebenfalls ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Wirtschaftsentwicklung ist. Innovative Nachfrage der Konsumenten und Unternehmen wie auch des Staates hat hier erhebliche Bedeutung. Die im internationalen Vergleich noch relativ langsame Verbreitung von neuen Produkten in Österreich sollte zum Anlass für eine Veränderung der "Innovationskultur" in diesem Bereich genommen werden.

Hannes Leo (Koordination), Rahel Falk, Klaus S. Friesenbichler, Werner Hölzl, WIFO-Weißbuch: Mehr Beschäftigung durch Wachstum auf Basis von Innovation und Qualifikation. Teilstudie 8: Forschung und Innovation als Motor des Wachstums, WIFO-Studie im Auftrag von Wirtschaftskammer Österreich, Bundesarbeitskammer, Österreichischem Gewerkschaftsbund und Landwirtschaftskammer Österreich, mit finanzieller Unterstützung von Oesterreichischer Nationalbank, Androsch International Consulting, Investkredit, Gewerkschaft Metall - Textil, Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, Oberbank AG, D. Swarovski & Co, Rauch Fruchtsäfte Ges.m.b.H., November 2006, 73 Seiten, 40 Euro, Download 32 Euro:
http://publikationen.wifo.ac.at/pls/wifosite/wifosite.wifo_search.get
_abstract_type?p_language=1&pubid=27447

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Hannes Leo
Stellvertretender Leiter
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-248 * Fax. +43 1 798 93 86
Hannes.Leo@wifo.ac.at

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