WirtschaftsBlatt Kommentar vom 17. 11. 2006: Im Visier der Staatsanwaltschaft - von Arne Johannsen

"Umsatz um jeden Preis" fordert immer seinen Tribut

Wien (OTS) - In der Theorie sind alle Vorkehrungen schon
getroffen: An der Universität des norddeutschen Städtchens Oldenburg können Studenten einen Master-Abschluss in "Nachhaltigem Wirtschaften" machen. Und die Deutschen wären nicht die Deutschen, gebe es nicht auch schon einen "Ethikverband der Deutschen Wirtschaft". Wo also liegt das Problem?

Das Problem ist, wie so oft, die Realität. Hausdurchsuchungen bei führenden Siemens-Managern wegen des Verdachts der Untreue, der ehemalige VW-Personalchef Peter Hartz der Untreue in 44 Fällen angeklagt. Bestechungsvorwürfe an Einkäufer von grossen Elektronikketten, Verurteilungen in der Korruptionsaffäre rund um den Bau der Münchner Allianz-Arena: Sind die Vorstandsetagen in der Händen einer Bande von Falschspielern, die nur mit gezinkten Karten zum Erfolg kommen?

Schon kommt die Stunde der Nostalgiker, die beschwören, dass früher alles besser und anständiger war. Unfug, früher gab es nur weniger Transparenz und deutlich zahnlosere Kontrollmechanismen - wenn es überhaupt welche gab. Auch der "Korruptions-Tango", der von Kritikern anlässlich spektaku-lärer Fälle immer wieder gerne angestimmt wird, ist die falsche Melodie zu diesem Stück. Denn die unter Verdacht stehenden Siemens-Manager haben - nach derzeitigem Kenntnisstand -nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet, sondern Beste-chungsgelder gezahlt, um an Aufträge zu kommen.

Diese Erklärung ist keine Entschuldigung. Denn durch Bestechung entsteht volkswirtschaftlicher Schaden, weil mindere Produkte und Dienstleistungen zu überhöhten Preisen eingekauft werden. Sie lässt aber erahnen, wie brüchig das Eis ist, auf dem viele Führungskräfte gehen. Von allen Seiten steigt der Druck, von den Aktionären, von den Chefs, von den Kunden, von der Konkurrenz. Umsatzvorgaben werden halbjährlich nach oben geschraubt. Viele Vorgaben sind unrealistisch. Aber Papier ist geduldig, vor allem, wenn es in Vorstandsetagen entworfen wird.

Bestechung ist ein strafrechtliches Delikt und muss bekämpft werden. Punkt. Aber Bestechung kann auch ein - bequemer - Ausweg sein, um allzu hoch gehängte Ziele doch noch zu erreichen. Ein Management, das "Umsatz um jeden Preis" verlangt und sich dann vorsichtshalber abwendet und gar nicht so genau wissen will, wie dieser erreicht wird, handelt leichtfertig. Und darf sich nicht wundern, wenn es sich schliesslich im Visier der Staatsanwälte wiederfindet.

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