"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Heuschrecken und andere Plagen" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 17.11.2006

Wien (OTS) - Bei der Gewerkschaftsbank Bawag scheinen die Würfel gefallen: In absehbarer Zeit gehört sie ausländischen Eigentümern, und mit großer Wahrscheinlichkeit werden dabei so genannte Heuschrecken den Ton angeben. Im linken Jargon sind das anonyme Investoren, die Arbeitsplätze vernichten und dann abkassieren.
Seit der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering im April 2005 die "Heuschreckendebatte" ausgelöst hat, ist viel Wasser den Rhein und die Donau hinuntergeflossen. Finanzinvestoren werden inzwischen nicht mehr undifferenziert über einen Kamm geschoren, sondern an ihren Taten gemessen.
Es gibt Investoren, die durch Arbeitsplatzvernichtung oder Filetierung von Unternehmen kurzfristig ihren Gewinn maximieren wollen. Es gibt aber auch Finanzinvestoren, die auf Wachstum schauen, in den von ihnen kontrollierten Unternehmen Arbeitsplätze schaffen und auch damit gut verdienen.
Man kann nur hoffen, dass bei der Bawag Vertreter der zweiten Gruppe zum Zug kommen. Der Spielraum für den Gewerkschaftsbund ist klein:
Nur ein hoher Kaufpreis verhindert, dass der ÖGB die Bundeshaftung in Anspruch nehmen muss. Was das fürs Image der Gewerkschaften und für die nächsten Wahlen bedeuten würde, ist leicht auszurechnen. Heuschrecken sind aber nicht die einzige Gefahr für Österreichs Bankenlandschaft. Zumindest so bedrohlich sind Parlamentarier, die blindwütig Untersuchungsausschüsse einberufen und mit Pauschalverdächtigungen den Finanzplatz in Misskredit bringen. Zumindest die SPÖ hätte es besser wissen und darauf verzichten müssen, heimische Banken auf Antrag von publicitygeilen Grünen in den Verdacht der Geldwäsche zu bringen. Das hat nämlich mit einem durchaus untersuchenswerten Versagen der Überwachung durch Finanzmarktaufsicht und Finanzministerium nichts zu tun.
Im Ausland nimmt man derartige politisch motivierte Vorwürfe nicht allzu Ernst. Deshalb wird der Finanzplatz Wien den grün-roten Amoklauf unbeschadet überstehen. Und was die vermeintliche Heuschreckenplage anlangt, sind SPÖ und Gewerkschaften wohl auf Jahre hinaus mundtot. Sie werden es wohl nicht mehr wagen, bei noch anstehenden Privatisierungen gegen den "Ausverkauf Österreichs" oder einen "Heuschreckenkapitalismus" zu wettern.
Beides ist ein Glück. Wobei man immer die berühmte Tante Jolesch im Ohr haben sollte: Sie hat immer vor allem gewarnt, "was noch ein Glück ist". Ganz Unrecht hatte ihr geistiger Vater Friedrich Torberg damit nicht. Dass sein Buch vom "Untergang des Abendlands in Anekdoten" erzählt, ist gewiss kein Zufall.

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