Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Skurrilitäten-Kabinett

Umbruchstage, wie sie Österreich derzeit erlebt, führen zu vielen spannenden, aber oft auch unerklärlichen Entwicklungen: So berühmt sich etwa ein FPÖ-Spitzenmann, dass er schon 30mal mit den Grünen gesprochen habe - während es zwischen den einstigen Partnern Blau und Schwarz aus unerklärlichen Gründen so gut wie keine Kontakte gibt. So zeichnet sich eine Regierungsbildung mit Hilfe zumindest einer der freiheitlichen Nachfolgeparteien ab - und die gesamte Linke, die einst eine solche Liaison durch die ÖVP als "Schande Europas" höchst aggressiv bekämpft hatte, findet daran offenbar nicht Problematisches.

So hält der Wiener Bürgermeister allen Ernstes ein Parlament für denkbar, in dem die eine Parteienkonstellation die Abschaffung der Studiengebühren beschließt, ein andermal eine andere Konstellation etwas anderes. Diese Idee ist ja geradezu grenzgenial. Da wird halt einmal die Halbierung aller Steuern beschlossen, ein andermal die Verdopplung aller Pensionen. In der neuen Fairness ((C) SPÖ) ist ja offenbar genug für alle da ((C) KPÖ).

So fragt man sich in Hinblick auf die ÖVP, ob es dort noch irgendeine strategische Führung gibt oder ob die Kommunikationslinie darin besteht, mit keiner anderen Partei mehr zu reden, jedoch nicht einmal selbst den Anspruch auf Bildung einer Minderheitsregierung zu erheben. So fragt man sich, ob es irgendjemandem im BZÖ zumindest peinlich ist, dass sich die Partei ungefragt und öffentlich allen als Partner anbietet - nur weil sie sich panisch vor Neuwahlen fürchtet. So fragt man sich angesichts der Aufmacher der Österreich-Krone, ob deren Chefs wirklich glauben, dass Boulevard-Zeitungen zum Politikmachen berufen sind?

So fragt man sich, ob es die SPÖ wirklich für eine ernsthafte Bemühung um eine Koalition hält, wenn sie den angeblich erwünschten Partner ständig öffentlich schmäht, ihn nach Geheimabsprache mit anderen im Parlament niederstimmt und angeblich vertrauliche Gespräche schon Tage vorher durch einen Pressesprecher ankündigt. Spannend wäre aber auch ihr Kommentar zum ÖGB, der ja nun laut einer Einstweiligen Verfügung ungestraft als Lügner bezeichnet werden kann (ein Wort, das bei der SPÖ zurzeit sehr populär ist).
Österreich wird zum Skurrilitäten-Kabinett.

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