Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Wien (OTS) - Kirche und Gerechtigkeit

In der Kirche geht es - trotz des Wirkens des Heiligen Geistes -nicht anders zu als in der Politik. Da unterstützt der Linzer Bischof Schwarz die Forderung der Katholischen Sozialakademie nach einem Grundeinkommen für jeden; dafür wird er von seinem Grazer Kollegen Kapellari gerüffelt, weil sich Bischöfe in solche Fragen nicht einmischen sollten, und macht prompt einen Dreiviertel-Rückzieher; tags darauf landet eine dicke Broschüre der Caritas in der Redaktion, die behauptet, ein "Mindesteinkommen" von rund 800 Euro koste nur 0,9 Prozent des Inlandsprodukts, - und das Ganze ist mit einem freundlichen Vorwort des Wiener Kardinals abgesegnet; dem stehen wieder die Worte des Papstes gegenüber, dass solche Aussagen über das Bauen einer "gerechten" Staatsordnung "nicht der unmittelbare Auftrag der Kirche sein" könnten.

Was viele interessante Fragen aufwirft: Sind die Bischöfe und die Mehrheit der Kirchgänger zu Geiseln in den Händen einiger kirchlicher Berufsfunktionäre ohne wirtschaftliche Ahnung geworden? Sind 0,9 Prozent BIP wirklich so wenig - immerhin ist das mehr, als das gesamte Bundesheer kostet? Kennen die kirchlichen Utopisten nicht die deutschen Studien, dass Hunderttausende bei der dortigen Grundsicherung massiv tricksen? Worauf der sozialdemokratische Minister Clement von massenhaftem "parasitären" Verhalten spricht; zahllose Jugendliche zogen während des Studiums aus, um Grundsicherung zu bekommen; Tausende Ärzte und Anwälte verschaffen sich Anspruch darauf; eine sechsstellige Anzahl von Beziehern der Sicherung hat nach einer Studie verheimlichtes Vermögen (vor allem in der Türkei); 35 Prozent der Grundgesicherten waren bei einer Überprüfung nicht auffindbar; im Internet kursieren Tipps, wie man Prüfer wegen Hausfriedensbruchs hinauswirft und wie man die beim Antrag genannten Telefonnummern löscht. Ergebnis der Missbräuche: Die Kosten für dieses 2005 eingeführte Programm
waren schließlich doppelt so hoch wie geschätzt.

Gerade die Kirche kann es nicht als gerecht ansehen, wenn unsere Kinder zugunsten von Projekten verschuldet werden, die zwar auch den wirklich Armen etwas bringen, die aber von viel mehr Menschen missbraucht werden und viele davon
abhalten, ernsthaft einen regulären Job zu suchen.

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