"Kleine Zeitung" Kommentar: "Solange keiner verhungert, haben wir keine Armut?" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 26.10.2006

Graz (OTS) - Armut, was für ein Thema zum Nationalfeiertag. Deutschland hat nach der Veröffentlichung der Studie "Gesellschaft im Reformprozess" die neuen Armen soeben entdeckt. Und versteckt diese zehn Millionen sogleich hinter einem neuen Wortungetüm: "Abgehängtes Prekariat" heißt die Umschreibung für jene Verlierer, die sich mit ihrer Zukunftslosigkeit arrangiert haben. Soziologisch schön verpackt lässt sich da trefflich über Schicksale diskutieren, die keiner wirklich kennt.

Es hat auch einen Grund, warum in Österreich Parteien Gesundheits-, Sozial-, Familiensprecher haben, aber kein Einziger sich als Armutssprecher bezeichnet. Auch nicht jene, die nun die Grundsicherung fordern. Über Armut wird nicht gern gesprochen. Auch deshalb, weil sie im Schatten der Gesellschaft stattfindet. Wenn aber fast eine halbe Million Menschen in Österreich vom sozialen Leben ausgeschlossen wird, wäre es Zeit, das Thema gesellschaftsfähig zu machen.

Dass Armut immer ebenso schnell aus dem Scheinwerferlicht huscht, wie sie erfasst wird, hat viele Gründe. Da spielen auch individuelle Ängste vor Arbeitslosigkeit und Abstieg mit. Sie hindern daran, sich mit jenen auseinander zu setzen, die aufgrund plötzlicher Arbeitslosigkeit, Krankheit schon abgestürzt sind. Denn die sichtbare Armut, der Sandler unter der Brücke, ist ja die Ausnahme. Kinderreiche Familien, Menschen, die von ihren Teilzeitjobs nicht mehr leben können, bilden längst die Masse der Armen. Die meisten versuchen, ihre Armut zu verbergen. Denn je reicher eine Gesellschaft ist, je mehr Menschen es gut geht, desto schwieriger wird es für die Verlierer. Dazu kommt der Kampf gegen die Punze des Sozialschmarotzers. Mit dem Wirtshaus-Argument in den Ohren, dass doch in Österreich keiner verhungern muss. Ein Argument jener Ignoranten, die die Spirale nach unten nicht kennen, die in prekären Situationen schon von einer defekten Waschmaschine ausgelöst werden kann.

Im Vergleich zu Deutschland kann sich Österreich aber am heutigen Nationalfeiertag noch glücklich schätzen. Ein breites "Submilieu" von Menschen, die völlig resigniert haben, hat sich noch nicht wirklich herausgebildet. Lücken gibt es dennoch. Wie die Verkettung von sozialem Hintergrund und Bildungserfolg, die sich zu oft zur Rutsche in die Chancenlosigkeit entwickelt. Da müssten Armutspolitiker ansetzen. Der Gesellschaftsforscher Ernst-Ulrich Huster hat das in der Wochenzeitung "Die Zeit" in einem eindringlichen und einfachen Appell formuliert: Investiert in die Kinder. ****

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