THE GEN(H)OME PROJECT

Künstler und Architekten verwandeln Architekturikone Schindler House in ein Genetiklabor

West Hollywood (OTS) - Mit der Ausstellung "The Gen(H)ome Project" (29. Oktober 2006 - 18. Februar 2007) spürt das MAK Center for Art and Architecture, Los Angeles der Integration neuester Entwicklungen in der Informationstechnologie und in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Genetik, in bahnbrechend moderne Architektur nach. Entsprechend der Intention des MAK Centers, kulturelle Innovation zu ermöglichen und zu fördern, bieten die ausgestellten Projekte "genetische Modifikationen" der Baustruktur, des Interieurs und der Außenbereiche des Schindler House, einem der berühmtesten Architekturexperimente des 20. Jahrhunderts. Zu den dafür herangezogenen Wissenschaften zählen Nanotechnik, Klimatologie, Zellphysiologie, Astronomie, Robotik und Algorithmik.

Der Einbezug der Biowissenschaften in die Künste hat eine lange Geschichte. Das vergangene Jahrhundert erlebte modernistische Anwendungen von Erkenntnissen der Naturwissenschaften, wie etwa in der Architektur von Victor Horta, in Buckminster Fullers "geodätischen Domen" oder in der postmodernen Nachahmung biowissenschaftlicher Bilderwelten. Die Grenzen zwischen organisch und anorganisch, künstlich und virtuell verwischten sich zusehends.

Als exemplarisches Beispiel dieses Prozesses kann Rudolph M. Schindlers Haus in West Hollywood gesehen werden. Als gleichermaßen soziales wie architektonisches Experiment verband das Schindler House die romantische Sehnsucht des 19. Jahrhunderts nach einem Leben in der Natur mit dem Bedürfnis des 20. Jahrhunderts nach einer technikgestalteten, kontrollierten Umwelt. Als Gemeinschaftswohnhaus für zwei Paare entworfen, ist es ein Vorschlag für einen "neuen häuslichen Raum" und gleichzeitig die Vorwegnahme des kalifornischen Indoor/Outdoor-Lebensstils. Wie Rudolph M. Schindler meinte: "Unsere Räume werden nah an den Boden heranreichen, und die Unterschiede zwischen Drinnen und Draußen werden verschwinden."

Moderne Mathematik, Genetik und neue Informationstechnologien (IT) haben neue architektonische Entwurfstechniken hervorgebracht, die evolutionäres Design, Mutation und genetische Veränderung mit einschließen. Fortschritte in Nanotechnik und Bioengineering ermöglichen eine Interaktivität zwischen Wohnung und Bewohner, daher werden so genannte "intelligente Räume" bald schon auf unsere Bedürfnisse und Vorlieben reagieren. The Gen(H)ome Project verwirklicht diese Ideen in Projekten, die spielerisch und intellektuell fordernd sind.

DIE PROJEKTE
Karl Chu ist bekannt als Erfinder des Begriffs "genetischer Raum" und als Begründer des theoretischen Unterbaus der genetischen Architektur. Im Rahmen von "Gen(H)ome" zeigt er "ZyZx", einen Teil der Serie Planetary Automat. Mittels Algorithmen erzeugt Chu kugelförmige mathematische Gebilde - Planten -, die variable Potenzialitäten repräsentieren. Er knüpft damit an die Genforschung an, die nicht nur Einblicke in physische Anlagen verschafft, sondern auch Menschen als Organismen sieht, die von äußeren Bedingungen unbewusst beeinflusst werden können.

Servo wendet mit dem Projekt "Spoorg" ein Verfahren der organischen Zellanpassungfähigkeit an. An der Innen- und Außenwand des Kinderzimmers im Schindler House installiert er ein efeuartiges Netzwerk von "spoorgs". Mechanisch und doch "lebendig", reagiert das Netzwerk auf Licht und Bewegung. Es funktioniert als Schattenspender und Lautsprechersystem, filtert Sonnenlicht und schafft eine Geräuschumgebung.

Das Architekturbüro von Greg Lynn/FORM nutzt technische Neuerungen aus Luftfahrt, Automobil- und Filmindustrie zur Erzeugung exotischer Formen. Lynn, der sowohl Architektur als auch Philosophie studiert hat, kombiniert das "Reelle" - Entwurf und Konstruktion - mit dem "Imaginären" wie spekulativen, theoretischen und experimentellen Verfahren. Er hat den Begriff "smoothness" eingeführt und postuliert ein Kontinuum zwischen Architektur und Natur. Seine Theorie stützt sich auf genetische Verfahren, die ein komplexes Verbindungssystem bewirken. Greg Lynns Zugang zeigt sich in "Blob Wall", einer modularen Konstruktion aus variablen individualisierten Formen.

Von der Biologie, Video- und Performancekunst kommend, gehen Christa Sommerer & Laurent Mignonneau bei ihrer Arbeit von einem Verständnis der Natur als Informationsschnittstelle aus. Mit ihrem "LifeWriter" laden sie das Publikum ein, auf einer altmodischen Schreibmaschine, bei der eine Projektionsleinwand das Blatt Papier ersetzt, einen Text zu verfassen. Sobald der Text als Projektion erscheint, verwandelt sich die geschriebene Sprache durch einen computergenerierten "genetischen Code" in Organismen, die agieren, reagieren und mutieren. Damit wird eine Virtualisierung natürlicher Prozesse bewirkt.

Im Lichte neuer Entwicklungen in der Nanotechnik und Materialforschung verwendet Marcos Novak in seiner Serie "Allo" Techniken zur Kodierung und Dekodierung von Genomen zu schimärischen Kombinationen. In "Allo_Gen(H)ome", geht er weiter der Frage nach, was mit der Architektur passiert, wenn wir aufhören, sie zu bauen, und anfangen, sie wachsen zu lassen. Novak zeigt eine unförmige fremde "Präsenz", aufgebaut aus zellenartigen Formen, die sich aus Magnetresonanzaufnahmen der Aktivierung eines Gehirns ergeben. In die Formen eingebettete Computer und Sensoren aktivieren Lautsprecher und Projektoren, die den Raum beleben.

Die Designgruppe oceanD (London, New York, Boston) konzentriert sich darauf, Computertechniken in Richtung neuer Materialisationsverfahren zur Anwendung zu bringen. Ihr interaktives Lichtprojekt "GenLITE" wird derzeit zu einem Prototyp entwickelt, der 2007 für Wohnungs-, Geschäfts-, Freizeit- und Unterhaltungsumgebungen auf den Markt kommen soll. "GenLITE" wird durch die Ansammlung und Querverbindung einer Vielzahl von kleinen volumetrischen Komponenten (Zellen) gebildet, die Skripte ausführen, um hochgradig spezifische Formations- und Wachstumsmuster zu erzielen. In jeder Zelle befinden sich farbige Lichter, die daraufhin kodiert sind, mit dynamischen Farbänderungen zu reagieren.

Für "Polarized House" benutzt Phillippe Rahm winzige auf Balken montierte Ionisatoren, die das eine Ende des Schindler House mit positiven, das andere mit negativen Ionen aufladen. Das Projekt spiegelt nicht nur die Struktur des Gebäudes, sondern auch seine Geschichte als Wohnhaus für zwei Paare und später für ein geschiedenes Paar und integriert so den sozialen und psychologischen Kontext in das physische Erlebnis der aufgeladenen Atmosphäre.

Im Hof des Schindler House präsentiert das texanische Büro WEATHERS - Sean Lally "Amplifications", eine Installation aus sechs verglasten Mikroklimata. Durch Isolierung, Umformung und Wiederherstellung von Aspekten der natürlichen Umwelt unterwirft Lally die Natur genetischer Modifikation. Durch die Schaffung unabhängiger, selbstbewässernder Systeme erreicht er sein Ziel, den Gartenraum zu überhöhen und zu manipulieren, während er zugleich den Auswirkungen von Vegetation auf den häuslichen Bereich nachgeht.

Open Source Architecture generiert "The Hylomorphic Project" durch Anwendung eines evolutionären stochastischen (d. h. eine zufällige Variable enthaltenden) Algorithmus auf ein zwei Fuß großes Modul, das die Struktur des Schindler House organisiert. Die dreieckige offene Struktur im Hof des Hauses wird mittels Software erzeugt, deren Skripte zwischen Form und Materie, Struktur und Oberfläche sowie zwischen Funktion und Programm vermitteln. Ganz ähnlich wie das Werk von Rudolph M. Schindler vermischt die modulare Struktur Begriffe von Innen und Außen, Architektur und Natur.

The Gen(H)ome Project wird am Sonntag, dem 29. Oktober 2006, im Rahmen des jährlichen MAK DAY, eröffnet und ist bis einschließlich 18. Februar 2007 zu sehen. Kimberli Meyer kuratierte die Ausstellung gemeinsam mit den Gastkuratoren Eran Neuman, Aaron Sprecher und Chandler Ahrens von Open Source Architecture.

Besonderer Dank für die Unterstützung gilt dem österreichischen Bundeskanzleramt, der Kunstsektion, dem österreichischen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, dem National Endowment for the Arts, der Graham Foundation for Advanced Studies in the Fine Arts, der LaFetra Family Foundation, der West Hollywood Convention mit dem Visitor’s Bureau sowie der Los Angeles County Arts Commission.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Detailinformationen zu den Projekten sowie mit Essays von Martin Bressani und Robert Jan Van Pelt, Marie-Ange Brayer, Helene Furjan und Peter Lloyd, Christopher Hight, Peter Noever, Aaron Sprecher und Eran Neuman.

Das MAK Center for Art and Architecture befindet sich im Schindler House an der Northern Kings Road 835 in West Hollywood. Weitere Informationen zum MAK Center und zur Ausstellung finden sich unter www.MAKcenter.org.

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