DER STANDARD-Kommentar: "Schafft die AHS-Unterstufe ab" von Helmut Spudich

"Statt eingefrorener Ideologien braucht die Bildung einen stärkeren Faktenbezug"; Ausgabe vom 24. 10. 2006

Wien (OTS) - In Anbetracht der Geräuschentwicklung der Koalitionsverhandler in Sachen Bildungspolitik könnte man glauben, in einer Zeitmaschine zu sitzen. Bald ist es 40 Jahre her, dass Unterrichtsminister Alois Mock eine Schulreformkommission einsetzte, die sich vor allem mit zwei Themen beschäftigte: der ganztägigen Schule und der Gesamtschule.
Seither ist das Thema "Gesamtschule" de facto gelöst, auch wenn uns das Weltuntergangsgetöse dazu anderes glauben macht. Seit mehr als 20 Jahren gilt für Hauptschule wie AHS-Unterstufe ein "wort-identer Lehrplan", sie sind also ein und dasselbe Angebot unter zwei verschiedenen Markenbezeichnungen.
Seit fast zehn Jahren haben Kinder mit Behinderungen, auch mit geistiger Behinderung, das verbriefte Recht, ihren Unterricht gemeinsam mit nicht behinderten Kindern an Hauptschule oder AHS-Unterstufe absolvieren zu können. Dort werden sie nach den für sie sinnvollen Lehrplänen entsprechend ihren Bedürfnissen unterrichtet.
Was also ist der Unterschied zwischen Hauptschule und AHS-Unterstufe? Ganz einfach: Letztere ist überfüllt, kostet mehr und kann weniger als die Hauptschule (weil sie keinen nach Leistung differenzierten Unterricht bietet). Hauptschulen bieten dagegen ihren Absolventinnen und Absolventen den Weg zur höheren Bildung ebenso wie zu weiteren berufsbildenden Ausbildungsswegen. Auch in den Städten, wo die Hauptschule zum schwierigen Minderheitenprogramm wurde, leistet sie immer noch das, was die AHS-Unterstufe nicht leisten will - ihre Situation wäre gänzlich anders, wenn sie alle Schüler bedienen würde. Daraus wäre die logische Konsequenz: Schafft die AHS-Unterstufe ab. Alle Schülerinnen und Schüler kämen dadurch in den Genuss einer pädagogisch effizienteren Schulform, Steuerzahlerinnen und Steuerzahler würden weniger für ein besseres Ergebnis zahlen. Das verbleibende Geld kann man, je nach politischer Priorität, in eine Verbesserung der Oberstufen oder der Universitäten stecken, in bessere Kindergartenangebote - oder auch in den Pflegebereich.
Die teure Zweigleisigkeit ist das Ergebnis jahrzehntelanger Schulpolitik, bei der möglichst faktenfreie Ideologie statt sinnvollen Umgangs mit begrenzten Mitteln im Zentrum steht. Denn was sind die Fakten? Eine AHS-Unterrichtsstunde kostet etwa 30 Prozent mehr als in der Hauptschule (wo die Lehrer mehr Stunden für weniger Gehalt unterrichten), obwohl es fachlich dafür keinen Grund gibt._Sie unterrichten nach denselben Lehrplänen; allenfalls sind Hauptschullehrer aufgrund ihres weniger homogenen Klientels pädagogisch stärker gefordert.
Die leidige Debatte um die Schulform der fünften bis achten Schulstufe ist ein Beispiel dafür, dass sich Bildungspolitik nicht damit beschäftigt, wie sie gut mit Ressourcen umgeht - etwa beim Thema überfüllte Klassen: Auf 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler kommen 122.000 Lehrerinnen und Lehrer. Das müsste Klassengrößen von 20 oder weniger ergeben; in der Realität sind das Ausnahmen statt der Regel. Wo kommt nur all das Personal hin?
Darauf ist auch deswegen keine wirklich befriedigende Antwort zu bekommen, weil es an einer Institution für Bildungsökonomie fehlt, die eine qualifizierte Basis für schulpolitische Entscheidungen liefern würde - übrigens ein gesamteuropäisches Manko. Wie im Gesundheitsbereich heißt die Herausforderung auch in der Bildung "evidence based policy": Politik, die auf Fakten und Ergebnissen beruht. Damit ist hier nichts dar-über ausgesagt, ob Hauptschullehrer zu wenig oder AHS-Unterstufenlehrer zu viel bekommen; oder ob Bildung mehr Geld braucht.
Hingegen ist folgender Reflex zu befürchten: Klassenschülerzahl senken, mehr Leh-rer anstellen. Ehe wir nicht wissen, wie vorhandene Mittel möglichst effizient einzusetzen sind, um zum erwünschten Ergebnis zu kommen, bringt es nichts, mehr Geld nachzuwerfen. Die Abschaffung dieser teuren zweigleisigen Mittelstufe wäre ein Anfang.

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