"DER STANDARD"-Kommentar: "ÖGB muss kämpfen" von Conrad Seidl

Ausgabe vom 20. 10.2006

Wien (OTS) - Man kommt nicht umhin, die momentane ÖGB-Führung mit der unter Fritz Verzetnitsch zu vergleichen. Natürlich weiß man heute, dass da gemauschelt und vertuscht wurde - aber im Kernbereich, wo es um das Organisieren des Willens der Werktätigen gegangen ist, da hat der ÖGB funktioniert. Als vor fünf Jahren die Mitglieder zur Abstimmung dar-über aufgerufen wurden, welche Politik er vertreten soll und wer wie Lohnverhandlungen führen soll, hat noch mehr als die Hälfte mitgemacht: 806.545 Stimmen waren ein starkes Signal.
Dass es diesmal dem Vernehmen nach nicht einmal ein Zehntel so viele Stimmen sind, ist natürlich auch ein Signal - eines dafür, dass die Mehrzahl der Arbeitnehmer dem Gewerkschaftsbund derzeit nicht zutraut, dass er sich selbst reformieren kann.
Damals, 2001, besann sich der ÖGB gerade darauf, dass er die Kampforganisation der Arbeitnehmer ist - auch wenn er seinen Kampf lieber gegen die Regierung statt um höhere Löhne und Gehälter geführt hat. Prinzipiell hat sich am Auftrag des ÖGB als Kampforganisation seither nichts geändert. Aber die Regierung ist abgewählt, was nur zu einem sehr kleinen Teil ein Erfolg der roten Gewerkschafter ist. Diese wurden ja von SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer im Wahlkampf wie entfernte Verwandte behandelt, deren man sich schämt.
Kämpfen muss man jetzt an einer anderen Front: Bei Löhnen und bei Arbeitsbedingungen - wobei die Gewerkschaften zeigen müssen, dass sie auch bei leeren Kassen ihre Kampfkraft aufrechterhalten können. Schafft der ÖGB das, wird ihm alles andere leichter nachgesehen werden können. Wenn jeder weiß, wo er an die Gewerkschaftsbewegung andocken kann und was sie ihm bringt, spielt der Bawag-Skandal keine Rolle mehr. Aber dieses Vertrauen ist noch lange nicht zurückerkämpft.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001