"Die Presse": Leitartikel "Wer nicht Mittelmaß ist, wird bestraft" (von Martina Salomon)

Ausgabe vom 20.10.06

Wien (OTS) - Wie es einer engagierten Direktorin in Wien geht: Ein Exempel für das, was im Schulwesen nicht funktioniert.
Manchmal kann man sich im Schulwesen des Eindrucks nicht erwehren, dass es jene am bequemsten haben, die sich strikt ans Mittelmaß halten - Schüler wie Lehrer und Direktoren.
Dass nun ausgerechnet eine reformfreudige Vorzeige-Direktorin, Heidi Schrodt in der Wiener AHS Rahlgasse, von Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl an den Pranger gestellt wurde, ist ein Treppenwitz der (Schul-)Geschichte. Schrodt hat eine Lehrer-Abstimmung zur "modularen Oberstufe" verloren. In diesem Schulversuch gibt es statt fixer Klassenverbände ein Kurssystem. Sitzenbleiben ist damit unmöglich (nur der Kurs muss wiederholt werden), und die Wahlfreiheit ist größer. Brandsteidl ist Befürworterin dieses vorbildhaften Schulversuchs und hat Schrodt "Führungsschwäche" vorgeworfen, weil in der Schule drei Lehrerstimmen auf die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit fehlten.
Dieser Fall ist typisch für das heimische Schulwesen. Schulen bräuchten mehr echte Autonomie, Direktor(inn)en mehr Entscheidungsmöglichkeit. Derzeit wird vieles blockiert, weil jeweils zwei Drittel der Eltern-, der Lehrer- und der Schülervertreter einer Reform zustimmen müssen. Warum reicht nicht die einfache Mehrheit in jeder Gruppe? Und warum muss die Bürokratie alles lähmen? In der Rahlgasse ist der Versuch in diesem Schuljahr angelaufen. Eigentlich müsste man meinen, dass dieses Modell für die betroffenen Schüler nun bis zur Matura gesichert ist. Stimmt nicht. Jedes Jahr muss neu angesucht (und abgestimmt) werden. Absurderweise schon diese Woche läuft die Frist für das Ansuchen im Stadtschulrat für das nächste Schuljahr aus - obwohl der Versuch ja erst vor einigen Wochen überhaupt begonnen hat.

Reformen sind für Schulen Mehrarbeit: Wer ein Kurssystem anbietet, stellt den alten Stundenplan auf den Kopf. Dafür Mitstreiter zu gewinnen, ist schon allein Herkulesarbeit. Aber ist es wirklich "Führungsschwäche", eine Abstimmung zu verlieren? Demokratiepolitisch ist das eine bedenkliche Ansicht. Oder will uns Brandsteidl damit sagen, dass Demokratie im Schulwesen ohnehin nur dazu da ist, Reformen zu blockieren? Dummerweise ist das gelegentlich nicht von der Hand zu weisen. Jahrelang hätten die höheren Schulen zum Beispiel dem Elternwunsch nachkommen können, den Samstag unterrichtsfrei zu machen. An vielen Standorten ist das am Veto der Lehrer gescheitert (weil die dafür einen Wochentag frei hatten) - bis es vom Bildungsministerium verordnet wurde. Die so verpönte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer hat aber gleichzeitig den Schulen auch richtigerweise mehr Autonomie gegeben. Genutzt haben das noch immer viel zu wenige. Zu groß sind die Mühen der Bürokratie, zu klein ist die Aussicht auf Anerkennung.
Niemand würde es den Schulen zum Beispiel verbieten, ihre Lehrer einmal zu evaluieren - und wenigstens an einem einzigen Standort untereinander zu vergleichen. Eltern, die das fordern, unterliegen in Abstimmungen der Lehrer-Personalvertretung. Denn was wäre, wenn herauskommt, was ohnehin jeder weiß: Dass man nämlich beim Pädagogen A tadelloses Französisch lernt, während die Schüler bei Pädagogin B leider Pech gehabt haben. Was hinter der fest verschlossenen Klassentür passiert, geht niemanden etwas an, oder? Aber wäre eine Vergleichsmöglichkeit nicht Ansporn für alle?
Die Schulen könnten sogar in einem gewissen Rahmen ihren Unterrichtsbeginn selbst festsetzen und - etwa innerstädtisch - erst um 8.30 Uhr beginnen. Fast niemand wagt so etwas. Warum eigentlich nicht?

Schulautonomie hat aber auch Grenzen: Das zeigen die Herbstferien, die ebenfalls, allerdings unabsichtlich, von Gehrer eingeführt wurden. Die Möglichkeit des Kumulierens einzelner autonomer Tage war ursprünglich für pädagogische Konferenzen oder Lehrer-Fortbildung gedacht. Nun gibt es Herbstferien für Schüler und Lehrer, worüber sich Eltern von Einzelkindern, die das Geld für Fernreisen haben, sicher freuen. Schon bei zwei Schulkindern in einer Familie ergibt das meist unterschiedliche freie Zeit. Langfristig wird auch hier wohl der nächste Bildungsminister regelnd eingreifen müssen.
Wie immer er oder sie heißt: Das ist der schwerste Job in der nächsten Regierung. Denn man muss sich von so vielem verabschieden:
dass Schulen nur warten, was ihnen "von oben" diktiert wird, dass sie Halbtagseinrichtungen sind, dass sie nie evaluiert werden, dass Lehrer mit Engagement Gefahr laufen, negativ aufzufallen. Und dass Mittelmaß genügt.

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