DER STANDARD-Kommentar: "Grüner Weihrauch" von Barbara Tóth

Ausgabe vom 17. Oktober 2007

Wien (OTS) - In der hohen politischen Kunst der nachhaltigen Realitätsverweigerung sind die Grünen gerade dabei, der darin bislang als unschlagbar geltenden ÖVP den Rang abzulaufen. Wie die Ökopartei seit gezählten 17 Tagen von ihrem inszenierten Jubel über den letztlich doch erreichten dritten Platz nicht ablässt, schlägt sogar die Gerhard Schröder’sche Ausmaße annehmende Arroganz, mit der Wolfgang Schüssel so tut, als wäre er weiterhin Kanzler und führe nur gnädigerweise mit der bloß durch einen tragischen Irrtum der Geschichte und/oder Wählerschaft siegreichen SPÖ Regierungsverhandlungen.
Da wird das mögliche Erreichen des dritten Platz in einer Pressekonferenz gefeiert, bei der ein vollständig versammelter grüner Bundesvorstand verzückt in Applaus ausbricht - bestellte Claqueure, wie man sie sonst nur von Nachmittags-Talkshows oder bald abdankenden, spätrealsozialistischen Regimen kennt. Nur Jubel auch für Parteichef Van der Bellens Verkündung, bis 100 arbeiten zu wollen - eine Aussage, die bei jeder anderen Partei als anmaßende Einzementierung der Führungsgarnitur gewertet würde.
Die grüne Selbstbeweihräucherung vernebelt gekonnt den Blick auf jene Probleme, denen sich die Grünen dringend stellen sollten. Warum wurde das andere grüne Wahlziel abseits des Erreichens des dritten Platzes - nämlich stark genug zum Regieren zu werden - nicht erreicht? Warum wurde die schwelende Generationendebatte, die bei der Erstellung der Nationalratswahlliste kurz aufbrach, nicht aufgenommen? Ist es wirklich so viel versprechend, mit demselben Personal in die möglicherweise früher als gedacht kommende nächste Wahl zu gehen? Der Jubel über den dritten Platz mag das angeschlagene Ego der Grünen massieren, deren Zukunftsfragen löst er nicht.

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