"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Friedensnobelpreis ist ein Angriff auf unsere Gewissheiten" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 14.10.2006

Graz (OTS) - Der Nobelpreis für Muhammad Yunus und seine Bank der kleinen Leute ist ein Geniestreich. Das Komitee hat einen Mann und eine Idee prämiert, die alle gängigen Klischees über Entwicklungspolitik auf den Kopf stellen. Während die wohlhabenden Staaten darüber streiten, wie groß das Häppchen sein darf, das man den Hilfsempfängern in aller Welt zukommen lassen will, hat er begonnen, mit den ihm verfügbaren kärglichen Mitteln zu wirtschaften.

Statt Geld von Reichen zu Armen zu transferieren, das dann oft bei korrupten Regierungen hängen bleibt, vergibt sein Bankinstitut Kleinstkredite, die wieder zurückgezahlt werden müssen. Davon profitieren Kleinbauern ebenso wie Frauen, jedenfalls aber Leute, die noch nie im Leben eine Bank betreten haben und es auch nicht könnten, weil der Portier sie gar nicht hineinließe.

Es ist eine neue Preispolitik, die sich da abzeichnet. Den Friedens-Nobelpreis bekamen bisher meist politisch profilierte Kämpfer mit klar definierten Gegnern und Freunden. Sie zu unterstützen war hilfreich. Oft hat die Auszeichnung den Geehrten wohl auch das Leben gerettet. Der Nobelpreis für den kleinen Mann aus Bangladesch ist etwas anderes. Auf den ersten Blick scheint die Wahl unpolitisch. Niemand fühlt sich auf den Schlips getreten, niemand kann die Ehrung als Affront auffassen. Das ist neu.

Yunus zeigt, abseits von Klassenkampfparolen und Ideologiedebatten, dass man auch als scheinbar machtloser Einzelner etwas bewegen kann. Dass grauenhafte Verhältnisse der Ungleichheit auch ohne Weltrevolution zu bessern sind. Vorausgesetzt, man hat eine realistische Idee und die Hartnäckigkeit, sie zu verwirklichen.

Eine Spitze hält die Entscheidung aber doch bereit. Das Besondere an Yunus' Idee ist, dass sie die Marktwirtschaft nicht einfach ablehnt. Der Banker führt nur andere Regeln ein. Seine Gründung ist kein Großangriff auf die globalisierte Weltwirtschaft, wie sie in westlichen Konsumgesellschaften populär ist. Sie erweitert in aller Stille den Kreis derer, die vom Kreislauf von Waren und Geld profitieren. Damit ist den Betroffenen mehr geholfen als mit gerechter, aber steriler Empörung.

Gerade deshalb ist die Entscheidung des Nobel-Komitees nicht harmlos. Sie stellt unsere Wohltätigkeitsrhetorik im Grundsatz in Frage. Sie traut den Menschen zu, zu wirtschaften und nicht nur Almosen zu empfangen. Das stärkt deren Selbstwertgefühl und mehrt ganz nebenbei auch noch das Kapital, das wiederum neuen Kreditnehmern zugute kommt. ****

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