"Die Presse" Leitartikel: "Sinnbilder der Feigheit" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 14.10.2006

Wien (OTS) - Der Nobelpreis für Orhan Pamuk und das Verbot, den Armenier-Genozid zu leugnen: Zwei Niederlagen.
Unterschiedlicher, widersprüchlicher hätten die beiden Signale nicht sein können, die diese Woche die Schwedische Akademie in Stockholm und die Nationalversammlung in Paris an die Türkei ausgesandt haben:
Die Literatur-Juroren sagten den Türken, wie wir sie uns im Idealfall vorstellen, ohne den Mut zu haben, das auch wirklich auszusprechen. Die Franzosen hingegen erklärten ihnen, ohne es zu wollen, dass wir im Zweifelsfall um nichts besser sind als sie.
Beides ist nicht sonderlich hilfreich.
Beginnen wir in Stockholm: Man mag wenig davon halten, dass die Akademie den großen lebenden Figuren der Weltliteratur wie etwa Phillipp Roth weiterhin den Nobelpreis vorenthält und stattdessen das Feld der Politik mit Moraldünger überversorgt. Dennoch oder gerade deshalb muss man froh sein, dass die Juroren diesmal wenigstens eine vernünftige Fehlentscheidung getroffen haben. Das mit den beiden letzten Nobelpreisen angeblich oder tatsächlich gewürdigte politische Engagement von Elfriede Jelinek und Harold Pinter bewegt sich am Rande des kommunistischen Obskurantismus. Pamuk hingegen agiert sowohl mit den politischen Themen, die sein Werk prägen, als auch mit der Position, die er innerhalb und außerhalb dieses Werkes vertritt, auf der Höhe der Zeit.

Von der Jury-Begründung und einem Gutteil der Reaktionen kann man das nicht behaupten. Wenn die Juroren sagen, dass Pamuk "auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden" habe, so klingt darin das gute alte "Dialog der Kulturen"-Pathos an, das inzwischen eher Teil des Problems als der Lösung ist.
Die Feststellung, dass es eine Auseinandersetzung der Kulturen gibt, wäre, auch wenn sie in noch so schöne Sinnbilder gekleidet sein mag, noch kein preisverdächtiger Befund. Wenn man aus der Person und dem Werk Orhan Pamuks einen produktiven politischen Schluss ziehen will, dann wohl jenen, dass wir die Aufnahme von hundert Millionen Orhan Pamuks in die europäische Union vorbehaltlos begrüßen müssten. An Pamuks Schreiben und Reden ist nicht entscheidend, dass er als einer von hunderttausenden einen Konflikt zwischen den alten islamischen Traditionen und der zeitgenössischen westlichen Auffassung von Gesellschaft und Politik diagnostiziert. Entscheidend ist, dass er innerhalb dieses Konfliktes unter Inkaufnahme eines erheblichen persönlichen Risikos eindeutig Position zu Gunsten des Westens bezogen hat.
Dass die Akademie sich in ihrer nebulösen Begründung auf das übliche Dialog- und Sinnbildvokabular zurückgezogen hat, deutet darauf hin, dass sie es weder mit der Literatur noch mit der Politik ernst meint. Ginge es nur um die Literatur, dann hätte man in der Championsleague der Weltliteratur bleiben müssen, zu der Pamuk wohl doch nicht gehört. Ginge es ernsthaft um Politik, hätte man auch den Mut zur politischen Argumentation haben müssen. Es gehört schon ein gehöriges Maß an Selbstvergessenheit dazu, den Mut eines Einzelnen durch die Feigheit eines Kollektivs zu würdigen.

Freilich: Vergleicht man die Entscheidung der Schwedischen Akademie mit jener der Französischen Nationalversammlung, so handelt es sich dabei immer noch um ein Jahrhundertbeispiel an politischer Weisheit. Das französische Parlament sich hat mit seiner Entscheidung, das Leugnen des Genozids an den Armeniern unter Strafe zu stellen, das zweifelhafte Verdienst erworben, das türkische Verständnis von Meinungsfreiheit auf europäischer Ebene zu etablieren. Die Idee, statt einer Trennung von Politik und Religion den militanten Laizismus zur Staatsreligion zu erheben, hat in Frankreich eine lange Tradition: Auch das heftig diskutierte Kopftuchverbot der Franzosen war ja schon so etwas wie eine Kemalisierung des europäischen Verständnisses von Religionsfreiheit.
Die klammheimliche Freude, die in vielen Schlagzeilen über die beiden Entscheidungen durchgeklungen ist, wird sich rasch ins Gegenteil verkehren: Es waren zwei Niederlagen, die wir Europäer uns selbst zugefügt haben. Wir haben gezeigt, dass wir zwar unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie eine Gesellschaft aussehen soll, aber nicht den Mut, das auch klar zu sagen. Und wir haben demonstriert, dass wir im Zweifelsfall nicht an unsere eigenen Werte glauben. Besser könnte das die fundamentalistischen Propaganda auch nicht hinkriegen.

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