WirtschaftsBlatt Kommentar vom 12. 10. 2006 ÖGB-Bilanz: Mehr wissen wir jetzt nicht - von Herbert Geyer

Wenn sie's schaffen, werden die ÖGB-Bosse gesuchte Sanierer sein

Wien (OTS) - Ich weiss nicht, was wir uns alle erwartet haben.
Das, was ÖGB-Chef Rudolf Hundstorfer und sein Finanz-Sekretär Clemens Schneider gestern als "Bilanz des ÖGB" präsentierten, hat diese Erwartungen jedenfalls nicht erfüllt.

Jetzt einmal abgesehen davon, dass es nicht eine vollständige Bilanz war, die die beiden präsentierten, sondern nur ausgewählte Zahlen aus dieser, und abgesehen davon, dass sie nicht die Zahlen der ÖGB-Gruppe vorstellten, sondern nur jene der Vereins-Bilanz des ÖGB: Sogar eine vollständige Bilanz der ÖGB-Gruppe hätte wohl mehr Fragen offen gelassen als sie beantwortet hätte.

Schliesslich zweifelt niemand daran, dass es möglich ist, Aktiva und Passiva eines so weit verzweigten Unternehmensgeflechtes so darzustellen, dass ihre Gegenüberstellung zwar ausreichend dramatisch aussieht, um den Ernst der Lage zu illustrieren, aber doch nicht so schlimm, dass jede Hoffnung schwindet.

Und so sehen diese Zahlen auch aus: Die Schulden betragen 2,14 Milliarden Euro. Ihnen stehen 1,83 Milliarden Euro an Werten gegenüber, der grösste Brocken davon sind die Aktien der Bawag, die mit 1,38 Milliarden bewertet werden. Bleibt eine vorläufig durch die Staatsgarantie gefüllte Bilanzlücke von rund 300 Millionen, die durch den Verkauf der Bawag herein zu bringen sein sollten. Mit ein wenig Fantasie - vielleicht bringt der Verkauf ja zwei Milliarden oder mehr - ist hier bereits der Grundstock für einen neuen Streikfonds zu sehen.

Wie realistisch die übrigen Wertansätze gewählt wurden, bleibt für den Aussenstehenden völlig offen. Sehr viel mehr als das "Wir schaffen es!" von ÖGB-Finanzer Schneider haben wir jedenfalls derzeit nicht als Garantie dafür, dass uns der ÖGB als Wirtschaftskörper auch in den kommenden Jahren nicht abhanden kommt.

Dass das vorläufig noch alles andere als gesichert ist, belegt auch die Gewinn- und Verlustrechnung des ÖGB: Zwar sind die Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen 2005 von 189,3 auf 192,9 Millionen Euro gestiegen, das war aber noch vor dem Bawag-Skandal, der eine neue Austrittslawine losgetreten hat. Und schon auf Basis dieser Rechnung muss der ÖGB jährlich 36 Millionen Euro - fast ein Fünftel seiner regelmässigen Ausgaben - einsparen. Bis diese Einsparungen realisiert sind, muss die Arbeitnehmervertretung vom Verkauf ihres Familiensilbers leben.

Falls die ÖGB-Granden diese Aufgabe bewältigen, werden sie sich vor Jobangeboten von Sanierungsfällen aus ganz Europa kaum retten können.

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