"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Vorbereitung aufs Regieren blieb nur ein Trockentraining" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 11.10.2006

Graz (OTS) - So nah können Triumph und Niederlage beieinander liegen: Unterm Strich sind es lediglich 532 Stimmen, die Grüne und Blaue voneinander trennen, aber für die Ökopartei bedeutet der hauchdünne Vorsprung, mit dem sie in der Endabrechnung der Nationalratswahl die FPÖ auf Platz vier verwies, in mehrerlei Hinsicht einen Quantensprung:

Erstmals in ihrer zwanzigjährigen Geschichte liegen die Grünen vor dem zersplitterten Dritten Lager. Was das auf rein symbolischer und atmosphärischer Ebene für eine Partei ausmacht, die sich von ihrem Selbstverständnis her seit eh und je als ideeller und moralischer Antipode zur FPÖ und ihrem orangen Ableger definiert und daraus zum guten Teil ihre politische Legitimität ableitet, ist unschwer zu erraten.

Bedeutsam ist dieser Erfolg für Van der Bellen & Co aber auch deshalb, weil die Grünen damit nicht nur jene Lügen strafen, die sie am Wahlabend trotz Zugewinnen als Verlierer schmähten, sondern weil sie mit dem dritten Platz erstmals auch berechtigten Anspruch auf das prestigeträchtige Amt des Dritten Nationalratspräsidenten und einen Volksanwalt erheben dürfen.

Die Zeiten, als die Farbe Grün als Chiffre für eine fröhliche Chaotentruppe in kratzigen Schafwollpullis und Schlapfen galt, gehören endgültig der Vergangenheit an. Die Grünen sind jetzt wer im Repräsentationsgefüge des Staates, zum ersten Mal umgibt sie das Fluidum von Macht.

Wie werden sie die ohnedies beschränkten Gestaltungsmöglichkeiten, die ihnen die neu gewonnenen Ämter bieten, nützen? Das wird ein erster Lackmustest für die politische Reife der Grünen sein, zumal Alexander Van der Bellen im Wahlkampf ja nicht müde wurde zu betonen, seine Partei sei die einzige, die sich nicht durch Machtmissbrauch kompromittiert habe. Was der Professor nicht erwähnte die Grünen hatten auf Bundesebene bis jetzt auch gar keine Gelegenheit zum Sündenfall. Die wahre Bewährungsprobe eine Regierungsbeteiligung steht nach wie vor aus. Darin liegt die bittere Ironie des Erfolges.

Die Grünen haben zwar ihr historisch bestes Ergebnis bei einer Nationalratswahl erzielt und von der FPÖ Platz drei erobert. Trotzdem bleiben ihre jahrelangen Vorbereitungen aufs Mitregieren nichts weiter als ein Trockentraining.

Von einer Regierungsbeteiligung ausgeschlossen, bleibt ihnen nur das vertraute Metier der Opposition. Sie ist ihre ureigenste Domäne, und sie verwalten sie gut. So gut, dass sie bereits erste Anzeichen von Institutionalisierung zeigen. ****

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