Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Ein Requiem in Blau

Wien (OTS) - Es gibt kein Drittes Lager mehr. Durch das ganze 20. Jahrhundert waren die Deutschnationalen und ihre Erben (zumindest) die drittstärkste Kraft im Land. Seit der endgültigen Auszählung der jüngsten Wahl sind sie nur noch Nummer vier. Für viele ein Grund zur Freude, für die Betroffenen freilich nicht.

Sie wurden von den Grünen um Nasenlänge besiegt. Diese haben (noch einmal) davon profitiert, dass sie ständig in Opposition gewesen sind, also in einer Rolle, wo man ungestraft immer nur nein sagen kann. Wo man verschleiern kann, dass die wilde Mischung aus Linksradikalen, Kulturschickeria, bürgerlichen Schwärmern, Feministinnen sowie Naturfreunden nur durch zweierlei zusammengehalten wird: durch Ahnungslosigkeit in Wirtschaftsfragen und durch die gemeinsame Vorliebe für Rot-Grün (was nur ein paar naive ÖVP-Exponenten nie wahrhaben wollten). Diese Vorliebe könnte nun, sofern die Wahl mit Erfolg angefochten würde, vielleicht sogar sehr bald Realität werden.

Dann stünde den Grünen ihre Bewährungsprobe unmittelbar bevor -welche die frühere Nummer drei ja nicht bestanden hatte. Wohl haben sich einige FPÖ-Minister rund um Susanne Riess-Passer durchaus bewährt. Die Mehrheit der Partei entpuppte sich aber als überfordert. Das ist der eigentliche Grund des blauen Dilemmas: Niemand, der regiert, kann jede populäre Idee durchsetzen, sondern er muss (selbst wenn er die absolute Mehrheit hätte) immer Kompromisse mit der Realität eingehen. Dazu sind aber Populisten per definitionem nicht im Stande; sie scheitern immer schon beim ersten Test. Denn sie haben keinen gemeinsamen geistigen, keinen ideologischen Wurzelboden, sie sind meist nur auf einzelne Führer ausgerichtet, denen sie aber sofort die Treue verweigern, wenn diese einmal die Wahrheit sagen. Zugleich hat die FPÖ die Rolle als Sammelbecken der Ehemaligen verloren: Diese sind ihr längst weggestorben.

Die weiteren Faktoren des blauen Niedergangs sind Details: Die Intrigen der Herren Stadler und Mölzer, die simple Eitelkeit des H.C.Strache, die häufigen Ministerwechsel, die wirre Unberechenbarkeit des Jörg Haider, der Missbrauch der Partei zur Durchsetzung regionaler (Kärntner) Anliegen, die dünne Personaldecke und die selbstzerstörerische Idee einer Parteispaltung.

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