Neue "KÄRNTNER TAGESZEITUNG" - Kommentar: Verschustert und wiedergefunden (von Bertram Karl Steiner)

Ausgabe 10. Oktober 2006

Klagenfurt (OTS) - Dass Österreichs Politiker (wohl auch viele Leute) das vielstimmige Mitteleuropa Anfang des 20. Jahrhunderts durch eigene frevelhafte Dummheit verschustert haben, erscheint heute ebenso entsetzlich wie die frevelhafte Dummheit der "anderen", die sich über die Zerstörung des mitteleuropäischen Biotops noch freuten. Wie sündhaft Dummheit ist, erweist sich am Isonzo, wo im Ersten Weltkrieg eine Million (!) Menschen an der tödlichen Droge "Nation" zugrunde ging.
Der hohe moralische Wert der Kärntner Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 liegt darin, dass sich hier eine Mehrheit von Landsleuten beider Landessprachen nicht von der Droge "Nation" benebeln ließ, sondern sich für das von "nationalen" Grenzen ungeteilte, historisch gewachsene Land Kärnten aussprach. Und dieses ist seit Menschengedenken eben zweisprachig.
Dieses Kärnten hat man gleich nach der Volksabstimmung gefeiert. Und dann jahrzehntelang nicht mehr. Beinahe hätten "nationale" Kärntner unser Kärnten im Nachhinein verschustert. Denn wer Kärnten seiner Zweisprachigkeit berauben will, der hat es auf die Teilung seiner Seele abgesehen. Gottlob (im Wortsinn) - es bahnt sich die Wandlung an: Die gestrige gemeinsame, zweisprachige Feier früherer ideologischer "Feinde" weist in Kärntens wiedergefundene ungeteilte Zukunft.

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