DER STANDARD-Kommentar: "Ein Atomtest mit Kalkül" von Markus Bernath

"Pjöngjang macht Politik mit seiner Schwäche - und der Schwäche der USA"; Ausgabe vom 10. 10. 2006

Wien (OTS) - Was wiegt schwerer? Das Versagen der Diplomatie oder der Eintritt Nordkoreas in den Klub der Atommächte? Der unterirdische Atomtest - sofern er stattgefunden hat und nicht eine große Farce des Regimes ist - war absehbar, doch seine Folgen für die rivalisierenden Mächte in Ostasien sind es nicht. 15 Jahre Verhandlungen verschiedener US-Regierungen haben Pjöngjang nicht von diesem letzten Schritt abgebracht. Doch erst George W. Bushs "Krieg gegen den Terror" hat dieser Eskalation den Boden bereitet. Nordkoreas Atomtest ist nicht ohne das Irak-Abenteuer und den Druck auf den Iran denkbar. Mit Nordkorea wächst der Kreis der Atommächte auf acht Staaten an. Der mutmaßliche neunte - Israel - hat sich bisher nicht erklärt. Doch keiner dieser Atomstaaten ist vergleichbar verschlossen, zugleich materiell in seiner Existenz bedroht und deshalb gefährlich.
Lange hat sich die amerikanische Regierung als direkter Adressat der nordkoreanischen Atompolitik und als maßgeblicher Verhandlungspartner in dem Glauben gewogen, das Problem Kim Jong Il könne getrost für einige Zeit beiseite geschoben werden. Weil Nordkoreas Führer nichts anderes als das finanziell gesicherte Überleben seines Regimes wolle, sei die Atombombe nur ein Chip auf dem Kasinotisch. Eingesetzt wird der Chip ja doch nie. Aber Washington hat unterschätzt, wie stark die Führung in Pjöngjang auf den Erwerb einer ultimativen Sicherheit drängt. Die USA, so kalkulieren Nordkoreas Generäle, haben noch keinen Staat angegriffen, der Atomwaffen besitzt.
So groß ist Pjöngjangs Bedürfnis nach der Macht zur Abschreckung, dass es nun selbst die Beziehungen zu China, seinem einzigen Verbündeten, aufs Spiel setzt. Allen Warnungen aus Peking zum Trotz, dass China keine Atomwaffen auf der koreanischen Halbinsel tolerieren werde, hat Kim Jong Il die Tür zum kleinen Klub der Atommächte aufgestoßen.
Es ist ein kalkuliertes Risiko. Pjöngjang hat unter den derzeitigen Umständen viel zu gewinnen, aber nur noch wenig zu verlieren. Der Zugang zu internationaler Finanzhilfe ist Nordkorea seit Jahren versperrt, die Palette an Sanktionen erschöpft, auch wenn die USA und ihre Verbündeten die Einnahmen des Staates, etwa aus der organisierten Kriminalität im Ausland, immer wieder empfindlich einschränken können.
Doch militärische Vergeltung, "begrenzte" Bombardierungen mutmaßlicher Atomzentren durch die US-Armee, hat Nordkorea kaum zu fürchten. Eine Instabilität oder gar den Zusammenbruch des atomar bewaffneten Landes, der Millionen nordkoreanischer Flüchtlinge nach China triebe und den Bestand Südkoreas bedrohte, würde keine verantwortlich denkende Regierung in Kauf nehmen.
Pjöngjang macht Politik mit seiner Schwäche - und der politischen Schwäche seiner Gegner: Wie ein Judoka nutzt Nordkorea die Belastungen der USA durch den Krieg im Irak, um den doch um so vieles mächtigeren Gegner zu Fall zu bringen. Washington wird die Tatsache von Nordkoreas neuem Status als Atommacht hinnehmen müssen. Kommunizierenden Gefäßen gleich haben Pjöngjang und Teheran die amerikanische Außenpolitik in den vergangenen Monaten immer wieder in die Defensive getrieben. So lassen sich Nordkoreas Raketentests im vergangenen Sommer nicht zuletzt mit dem langwierig zustande gekommenen Angebot der fünf Sicherheitsmächte und Deutschlands im Atomstreit an den Iran erklären. Ein solches Angebot hätte auch Pjöngjang gerne. Teheran wiederum hat am Fall Nordkoreas gesehen, dass sich internationalem Unwillen zum Trotz sehr wohl Atomwaffen entwickeln lassen.
Beide Mitglieder der "Achse des Bösen" haben schließlich aus dem Fall "Indien" gelernt: Nach den Atomtests 1998 und einer Reihe von Sanktionen ist Neu-Delhi in diesem Jahr von den USA mit einem Spezialabkommen zur Kooperation in Nuklearfragen belohnt worden.

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