"Die Presse": Leitartikel. "Der Wahnsinn des Kim Jong-il hat Methode" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 10.10.06

Wien (OTS) - Nordkoreas Diktator glaubt, dass ihm die Atombombe nützt. Das Perfide daran: Er hat vermutlich Recht.

Sein bizarres stalinistisches Erscheinungsbild verleitet Freunde des Unterhaltungsfilms regelmäßig zu der Annahme, dass Kim Jong-il ein Kollege der Doctores "No" und "Seltsam" sein könnte: gefährlich und völlig durchgeknallt. Doch der Wahnsinn des nordkoreanischen Herrschers hat Methode: Das Regime in Pjöngjang handelt durchaus rational. Die Nordkoreaner haben sich soeben mehr oder minder eindrucksvoll in den exklusiven Klub der Atommächte gebombt, weil sie überzeugt sind, dass es sich auszahlt.
Diese Einschätzung ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf einer Analyse der jüngeren Zeitgeschichte. Sowohl Indien als auch Pakistan galten nach ihren Atomtests 1998 - wenn überhaupt -lediglich für sehr kurze Zeit als Parias. Die US-Regierung will den indischen Sündern nun sogar helfen, ihr ziviles Nuklearprogramm auszubauen. Das spricht zwar dem Geist des Atomwaffensperrvertrags (den New Delhi nie unterzeichnet hat) Hohn, passt den Amerikanern derzeit aber strategisch und wirtschaftlich ins Konzept.
Auch Pakistan, die zumindest bis dato instabilste und deshalb gefährlichste Atommacht der Welt, musste nicht lange unter Sanktionen stöhnen. Es wurde Islamabad später sogar nachgesehen, dass Abdul Qader Khan, der Vater der islamischen Bombe, in seiner Freizeit den größten internationalen Atomschmuggelring aller Zeiten unterhielt. Warum? Der Westen brauchte eben Pakistan als Verbündeten im Krieg gegen den Terror und wollte Präsident Pervez Musharraf unter keinen Umständen schwächen. Denn man weiß: Eine falsche Bewegung - und nicht Musharraf, sondern Freunde von Osama bin Laden haben den Finger am Knopf der Bombe.
Außer Indien und Pakistan gab es noch ein drittes Exempel, das den Nordkoreanern vermutlich zu denken gab: Wäre nicht auch Saddam Husseins Regime von einer amerikanischen Invasion verschont geblieben, wenn es über nukleares Abschreckungspotenzial verfügt hätte? Ein Jahr davor schon hatte George W. Bush Nordkorea gemeinsam mit dem Irak und dem Iran auf die "Achse des Bösen" gesetzt. Man kann davon ausgehen, dass es Kim Jong-il seither eilig hatte, eine Atombombe zum Abschuss vorzubereiten.
Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die USA den Atomtest verhindern hätten können, wenn sie Kims Wunsch nach direkten Verhandlungen erfüllt hätten. Fest steht, dass die Sechsergespräche, bei denen die Amerikaner gemeinsam mit China, Russland, Japan und Südkorea über Jahre hinweg auf das Regime in Pjöngjang eingeredet haben, grandios gescheitert sind. Die Nordkoreaner haben den zeitraubenden Palaver offenbar weidlich genützt, um ihr Atomprogramm voranzutreiben.
All die gut gemeinten wirtschaftlichen Lockangebote an Kim Jong-il konnten ihn nicht dazu verführen, der Bombe abzuschwören. Die Millionen, die Südkorea den Brüdern im Norden in die Taschen stopfte, haben ebenso wenig genützt wie die Ermahnungen Chinas. Zuletzt fühlte sich Kim Jong-il von seinen Verbündeten in Peking im Stich gelassen; das gab vermutlich den letzten Anstoß für den Atomtest.

Machterhalt war den Stalinisten jenseits des 38.Breitengrads seit jeher wichtiger als das Wohlergehen des Volkes. Die Atombombe soll ihnen ultimativen Schutz bieten - und ihre Verhandlungsposition verbessern. Da nimmt man schon die eine oder andere Hungersnot in Kauf. Und wer weiß, vielleicht öffnet sich ja bald auf dem Atomtechnologie-Sektor ein lukratives Geschäftsfeld für die Nordkoreaner. Sie hatten zuletzt ja auch kein Problem damit, Raketen zu exportieren. Sonst hat Kim Jong-il ja bekanntlich relativ wenig zu verkaufen.
Dank der Weitsicht des "Lieben Führers" blickt die gesamte Region in den Abgrund. Ein neuer atomarer Rüstungswettlauf scheint fast unvermeidbar. Japan könnte als nächstes seine nuklearen Hemmungen fallen lassen; Südkorea würde wohl folgen.
Besonders ärgerlich ist die Entwicklung für China, das sich Ruhe wünscht, um seine ökonomische Aufholjagd fortzusetzen. Südkorea, das sich auf dem Weg in die chinesische Einflusssphäre befand, wird nun vermutlich wieder verstärkt den Schutz der USA suchen. Japan hat zuletzt wieder engere Bande zu Washington geknüpft. Läuft alles schief, droht eine Konfrontation zwischen den USA und China. Deshalb sind die beiden Großmächte gefordert, in koordinierter Weise ordnend einzugreifen - und lautlos an Kims Stühlchen zu sägen. Die Krise könnte dann sogar eine Chance bergen, das Sicherheitssystem in Asien auf ein stabiles Fundament zu stellen.

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