"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Rückkehr der Moral" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 08.10.2006

Graz (OTS) - Der Umstand, dass diese Zeitung den Systemwechsel von der ausgelaugten großen Koalition zu Schwarz-Blau aus demokratiepolitischen Erwägungen bejaht hat, hat sie zu keiner Zeit davon abgehalten, die Wenderegierung an deren Maßstäben zu messen und die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu vermessen. Wir haben das Unvermögen offen benannt, daher fällt es jetzt leicht, die abgewählte Regierung vor der auftrumpfenden Brachialbilanz der Moralisten ein wenig in Schutz zu nehmen.

Sie feiern den Ausgang der Wahl, also primär sich selbst, arbeiten sich ab am verhassten Kanzler und überhöhen den minimalistisch errungenen Wahlsieg Alfred Gusenbauers als intellektuellen Aufbruch des Landes, als Zeugnis der "moralischen Erneuerung" gar, wie Joachim Riedl auf Seite eins der deutschen Zeitschrift "Die Zeit" allen Ernstes schreibt.

Das ist pathetischer Unsinn: Die Daheimgebliebenen, die unterschiedlich dosierte Agonie der Wähler, entschieden die Wahl. Das Gegenteil von Aufbruch, die Lustlosigkeit, hat den Ausschlag gegeben.

Mit ihren Überzeichnungen geben die Wende-Gegner zu verstehen, von welcher Schlechtigkeit das Bündnis gewesen sei. Dass diese Regierung, trotz allen Ungemachs, seit Jahrzehnten die erste war, die politischen Gestaltungswillen gezeigt hat, bleibt ohne Buchung und Würdigung. Die moralische Verdammung lässt diese Differenzierung nicht zu.

Sie geniere sich für das Land, schreibt die in Deutschland lebende Wiener Autorin Eva Menasse, und meint die "dumpfe Volksseele", den Bodensatz, der salonfähiger sei als anderswo. Wirklich? Geniert sie sich dafür mehr als für die Nazis in den deutschen Landtagen? Eine "Mischung aus Urschlamm und Moderne" verleide ihr das Daheim und sie benennt den Schlamm: Strache. Staberl. Gudenus. Die Beispiele haben müde Beine. Gudenus wurde politisch exkommuniziert, in einer Entschlossenheit, die auf intakte und nicht verrottete Hygiene-Standards schließen ließ. Staberl? Der liegt seit Jahren unter der Erde. Und Strache ist politisch isoliert.

Dessen Stärke am Ende der Wende beweise, wie hohl Schüssels Einbindungsstrategie sei, höhnen die Rechthaber. Haben sie Recht? Die Rabauken wuchsen ab dem Zeitpunkt, da sie abgekoppelt an der politischen Peripherie die Verunsicherten einzusammeln begannen. Solange sie eingebunden und eingeladen waren, sich durch Unreife zu diskreditieren, litten sie.

Wenn sich jetzt wieder alle Macht in der Mitte türmt, werden die Radikalen Feiertag haben, wie unter den roten Kanzlern. Aber Hauptsache, die Moral ist wieder an der Macht. ****

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