"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Dilemma der ÖVP" (Von MICHAEL SPRENGER)

Ausgabe vom 3. Oktober 2006

Innsbruck (OTS) - Wie sich die Zeiten ändern. Plötzlich herrscht sogar eine Einigkeit zwischen ÖVP, SPÖ und den Grünen. Denn nicht nur SPÖ und die Grünen bauen auf die Wahlkarten und klammern sich an das Unmögliche, auch die ÖVP hofft insgeheim auf Rot-Grün.

Aus Sicht der ÖVP ist dies nur auf den ersten Blick widersinnig. Ein Blick auf die jüngere Parteiengeschichte genügt. Als Zweiter in einer großen Koalition gibt es nicht viel zu gewinnen. Die Verluste zwischen den Jahren 1986 bis 1999 geben darüber eindrucksvoll Auskunft. Zudem haben sich die Akteure von SPÖ und ÖVP nicht wirklich viel zu sagen. Die Demütigungen der vergangenen Jahre gehen tief. Also fehlt von Anfang an das gegenseitige Vertrauen. Noch etwas weiß die ÖVP: Seit mehr als zehn Jahren war nun Wolfgang Schüssel der unumstrittene Parteichef. Der Einfluss der Bünde und Länderchefs wurde unter Schüssel minimiert. Doch Schüssel wird die Partei bald übergeben. Die ÖVP muss also nicht nur einen Großteil ihrer Macht abgeben, sie verliert auch ihre Galionsfigur. Das tiefe Loch, in das sie fallen wird, ist schon offen.

So eine Zäsur verlangt eine Erneuerung. Diese ist allemal leichter zu verrichten, wenn man nicht Regierungsverantwortung trägt. Zudem nützt eine Opposition im Bund den Ländern, die unter sechs Jahren Schwarz-Blau-Orange schwere Verluste einstecken mussten. Und, auch das weiß die ÖVP, eine große Koalition stärkt vor allem die FPÖ.

So wäre das unwahrscheinliche Rot-Grün für die ÖVP tatsächlich ein Glücksfall. Ein klarer Gegner, Erneuerung in der Opposition, Ziel Kanzleramt. Und was bleibt sonst? Rasche Neuwahlen bergen ebenso ein Risiko des Desasters in sich wie ein unmöglicher Pakt mit Strache und Westenthaler. So bleibt letztlich nur die ungeliebte Rolle des Juniorpartners in einer großen Koalition. Für eine Partei, die sich am Samstag noch als sicherer Sieger sah, ein Drama.

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