"Kleine Zeitung" Kommentar: "Warum sich die ÖVP nun Rot-Grün sehnlichst herbeiwünscht" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 3.10.2006

Graz (OTS) - Unsere Anhänger sind daheim geblieben." So lautet
eine Erklärung in der ÖVP für die herbe Niederlage, die die Partei nach den Höhenflügen der letzten sechs Jahre brutal auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt hat. So als ob es nur um die Mobilisierung der eigenen Leute oder die Sorglosigkeit der allzu Siegesgewissen gegangen wäre. Das ist aber eine nur sehr unzulängliche Deutung des politischen Elementarereignisses.

Die ÖVP hat rund eine halbe Million Stimmen verloren, nur 130.000 davon sind von Leuten, die sich als Stammwähler der der Partei bezeichnen. Verloren gegangen sind zum größten Teil die Stimmen jener Wähler, die die Volkspartei aus der Konkursmasse der Haider-FPÖ im Jahr 2002 bekommen hat. Da hat sich die Partei der Illusion hingegeben, diese Menschen seien dauerhaft gewonnen.

Und hier muss die Analyse ansetzen. Während es der SPÖ gelungen ist, mit einer Kampagne, die ausschließlich auf das Halten ihrer eigenen Stammwählerschaft ausgerichtet war, trotz Stimmenverlusten die Mehrheit zu erringen, wurde der ÖVP der politische Treibsand weggeblasen. Stammwähler der ÖVP gibt es zwar auch, aber sie sind geringer an Zahl.

So ist die paradoxe Wirkung eingetreten, dass auch die Bawag-Krise letztlich die ÖVP bezahlt hat. Eingeschworene SPÖ-Wähler reagieren auf einen solchen Fall kaum, wie sich gezeigt hat, die Wähler, die Jörg Haider aus dem ehemaligen Stock der Volksparteien herausgelöst hat, aber sehr wohl. Sie ordnen ihn aber nicht einer Partei zu, sondern nehmen ihn nur als Bestätigung, dass "die da oben" alle gleich sind.

Dass es der ÖVP so schwer fällt, in die unvermeidliche Koalition mit der SPÖ einzusteigen, hat auch mit inhaltlichen Differenzen zu tun, aber über die kann man verhandeln. Die viel größere Hürde ist die Erinnerung. Die Volkspartei weiß, was es für sie bedeutet, der kleinere Partner in einer großen Koalition zu sein. Da hat sie kein Mittel dagegen, zu FPÖBZÖ hin auszurinnen.

Das führt zur skurrilen Konsequenz, dass sich die Volkspartei nun gerade jene Regierungsform sehnlichst herbeiwünscht, vor der sie im Wahlkampf eindringlich gewarnt hat: Rot-Grün. Nur damit sie nicht selbst in eine Regierung muss. Der Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen.

Haider wird es eine späte Genugtuung sein: Er hat Wolfgang Schüssel, den manche schon den "Drachentöter" nannten, weil er ihn, Haider zeitweise zur Bedeutungslosigkeit verdammt und seine Partei, die FPÖ, beinahe um die Existenz gebracht hätte, politisch überlebt. ****

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