"Die Volkspartei soll in sich gehen"

Ex-Innenminister Ernst Strasser im ÖSTERREICH-Interview über die Situation der ÖVP nach der Wahl

Wien (OTS) - Ernst Strasser, ab 2000 Innenminister unter Kanzler Wolfgang Schüssel, erklärte 2004 überraschend seinen Rücktritt und wurde Geschäftsführer bei VPC Energy. Er gilt in der ÖVP als kritisch-liberal. Im Interview mit ÖSTERREICH (Ausgabe Dienstag, 3. Oktober) nimmt er zur Situation der ÖVP nach der Nationalratswahl Stellung.

ÖSTERREICH: Überrascht vom Wahlergebnis?
STRASSER: Ein furchtbares Erwachen. Auch heute noch. Es ist wie in einem bösen Traum. Aber irgendwann ist die Trauerarbeit vorbei und man muss wieder in die Tasten greifen.
ÖSTERREICH: Was ist den für die ÖVP schief gelaufen?
STRASSER: Wir wurden absolut am falschen Fuß erwischt. Es ist uns nicht gelungen, unsere Wähler zu mobilisieren, für die Abgabe der Stimme zu gewinnen. Einige sagte gestern und heute zu mir: "Wenn ich das gewußt hätte..." Aber jetzt ist es zu spät.
ÖSTERREICH: Hat sich die gesamte Partei wohl zu sehr auf ihren Obmann und Bundeskanzler verlassen?
STRASSER: Ja. Alle haben sich wahrscheinlich zu sehr auf den Kanzler verlassen. Jeder, der politisch denkt, und wollte, dass Schüssel Kanzler bleibt, trägt einen Teil der Mitschuld.
ÖSTERREICH: Und die ist jetzt gemeinsam abzutragen?
STRASSER: Wir brauchen jetzt geschlossenes Vorgehen, keine Zurufe von Außen. Wir haben erfolgreich das Land gestaltet. Es gibt keinen Anlass, etwas personell zu ändern.
ÖSTERREICH: Also, was tun?
STRASSER: Die Volkspartei soll in sich gehen, im Vorstand eine Analyse vornehmen, notwendige Schritte intern beraten, neues Konzept entwickeln. Und das alles in dieser Reihenfolge.
ÖSTERREICH: Was heißt notwendige Schritte?
STRASSER: Naja, man ist ja nicht mehr Regierungspartei per se, also von selbst. Jetzt ist zu klären, ob man eingeladen wird zu einer Regierung. Ob überhaupt die Voraussetzungen gegeben sind, Mitverantwortung zu übernehmen. Da hat sich ja einiges geändert. ÖSTERREICH: Wie soll sich die Volkspartei zu Regierungsverhandlungen mit der SPÖ stellen?
STRASSER: Der Ball liegt bei Dr. Gusenbauer und der SPÖ. Sie sollen die Einladung so gestalten, dass eine Diskussion möglich ist, diese nicht mit Gerichtsklagen begleiten, das ist nicht üblich. Empfehlung gebe ich keine, das hängt von Inhalten ab. Eine große Koalition ist nicht das, was man sich von vornherein wünscht.
ÖSTERREICH: Braucht die Volkspartei wirklich ein neues Konzept? STRASSER: Es geht um die generelle inhaltliche Ausrichtung der Volkspartei. Insbesondere jetzt, da sie nicht mehr Kanzlerpartei ist. Wir sind breit aufgestellt, da gibt es einige Zukunftsoptionen -personell und inhaltlich - für die nächste
Nationalratswahl. (rc)

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