"Kleine Zeitung" Kommentar: "Plädoyer für die Politik" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 01.10.2006

Graz (OTS) - Österreich wird eine neue Regierung bekommen und den Kanzler leidenschaftslos von der alten mitnehmen. Das sagen die, die die Meinung erforschen, aber sie sagen es, aus Schaden klug geworden, kleinlaut.

Die Wende ist zu Ende. Sie hat Wechsel und Wandel in der Politik möglich gemacht. Das bleibt ihr Verdienst, auch das Jörg Haiders. Die große Verdüsterung fand nicht statt. Die Neue Zürcher Zeitung würdigte gestern Österreich als "respektierte Partnernation in der EU".

Während Wolfgang Schüssel das schwierige Bündnis ohne kapitale Haftungsschäden überstehen dürfte, kostete es den Koalitionspartner beinahe die Existenz. Die Freiheitlichen sind an der Macht verkümmert. Haider wird auf die sechs Jahre mit viel Bitternis zurückblicken, einerlei, ob er heute das Grundmandat schafft oder nicht. Er bangt auf tiefer Ebene.

HC Strache wird das Ringen um die blaue Erbmasse für sich entscheiden. Die Thermik ist gut für einen wie ihn, schamlos nutzte er die Spannungen mit dem Islam zu seinen Gunsten und schwamm auf der Woge. Seine Parolen gegen alles Fremde sind maßlos, rabiat und lösen nichts. Sie sind Gift für das Zusammenleben. Noch ist heute Zeit, darauf hinzuweisen.

Eine der offenen Fragen wird sein, ob die Grünen ihre erbliche Schwäche, die sie auf den letzten Metern befällt, überwinden oder ob die Grundsympathie, die man der Partei in Umfragen zuschreibt, erneut an der Wahlzelle verebbt.

Davon hängt ab, ob es zum Rückfall in die große Koalition eine Alternative gibt. Sie hieße Schwarz-Grün und wäre ein Novum in Europa, das Beachtung fände - ein Pendelschlag, der von der Außenwelt als Sühne-Angebot des Kanzlers nach dem "Teufelspakt" des Jahres 2000 gelesen werden könnte.

Und Alfred Gusenbauer? Die Last der Bawag-Affäre blieb drückend. Sie hat wohl den Traum von der Rückeroberung der Macht zerstört. An ihr teilzuhaben, bleibt der realistische Rest vom großen Ziel.

Der Wahlkampf ist ausgelitten. Die Klage über die Verrohung der Kultur war berechtigt, das Gebotene ärmlich. Aber dass es nie da gewesen sei: eine Stilisierung. Es reicht ein Blick auf die vergilbten Plakate aus den Fünfzigern mit roten Katzen und schwarzen Renten-Dieben.

Schlimm wäre es, wüchse sich das Lamento zu einer Absage an die Politik aus. Wer Politik und die, die sie gestalten, pauschal verächtlich macht, möge Maß nehmen und über die Grenze blicken, nach Ungarn, Polen, Italien. Verglichen mit den dortigen Wirren ist das hiesige politische System vital und strapazfähig. Schimpfen ist ein Menschenrecht, aber noch kein demokratischer Akt. Wählen schon. Gehen Sie hin. ****

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