DER STANDARD-Kommentar "Die Quote der Großen sinkt" von Gerfried Sperl

Statt 80 Prozent (wie 2002) werden ÖVP und SPÖ maximal siebzig erreichen

Wien (OTS) - Bei den Nationalratswahlen 2002 haben ÖVP und SPÖ zusammen fast 80 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt. Die Hauptursache war der dramatische Rückschlag für die FPÖ und die Stagnation der Grünen. Heuer ist alles anders. Die beiden Großen werden zusammen maximal siebzig Prozent erzielen.
Wenn die ÖVP ungefähr gleich abschneiden möchte wie vor vier Jahren, nämlich an die 43 Prozent, dann würde die SPÖ weit unter 30 Prozent fallen - was gegenüber 2002 einen Erdrutsch von zehn Prozent den Hang hinunter bedeuten würde.
Verluste auf beiden Seiten sind also fix, mit Vorteilen auf der schwarzen Seite. Wenn Grüne und Freiheitliche (die in Wien besonders gut abschneiden werden) zehn oder mehr Prozent erhalten, BZÖ und H.-P. Martin zwischen drei und fünf, die Kommunisten bei etwa zwei, dann sind zusammen mit Minisplittern sogar mehr als dreißig Prozent konsumiert.
Werden sich die Verluste auch auf die Mandate auswirken? Das hängt davon ab, ob die "Kleinen" über die Vier-Prozent-Hürde springen oder nicht. Selbst bei einem Stimmenrückgang könnte also die ÖVP gleich viele Mandate bekommen wie das letzte Mal.
Sie mit diesem Zahlenspiel zu befassen ist deshalb nötig, weil die Kommentatoren der Umfragen (wie Conrad Seidl in seinem Donnerstag-Kommentar dargestellt hat) nur noch die Ergebnisse der Meinungsforschung zur Erfolgs- oder Misserfolgsserie machen und nicht den Vergleich mit realen Wahlresultaten früherer Jahre.
Wie viele von den angeblich zwei Millionen Unentschlossenen tatsächlich zur Wahl gehen, wurde nicht erhoben. Sicher ist, dass die Nichtwähler die dritte Großpartei sind - darunter viele, die nach dem Knittelfeld-Schock Wolfgang Schüssel gewählt haben und denen sowohl Heinz-Christian Strache als auch Peter Westenthaler wie nicht gelungene Plagiate Jörg Haiders erscheinen.
Der Bundeskanzler hat mit dem Kärntner Landeshauptmann und dem Knittelfelder Rest eine Koalition fortgesetzt, die immer mehr den Charakter einer Alleinregierung hatte. Um sich aus dieser Klammer zu befreien, hat Westenthaler den ORF-Coup gewagt und damit endgültig die Hoffnungen auf eine Regierungsbeteiligung vertan.
Schüssel wird - so es sich mathematisch ausgeht - wieder mit den Grünen verhandeln. Diesmal mit mehr Elan. Was er schon in den TV-Runden zeigte. Zweimal lobte er am Donnerstagabend unter den Elefanten die oberösterreichische Landespolitik. Und im Sommergespräch konnte er sich sogar mit einer Gesamtschule anfreunden, "wenn sie kein Zwang ist". Bei den Homosexuellen wurde ihm plötzlich nicht mehr kalt, und auf dem Energiesektor hat man den Eindruck, als heizte der Schüssel-Haushalt nur noch mit Pellets. Die jüngere politische Geschichte des ÖVP-Chefs strotzt vor Volten. Wenigstens kann man nach der Donnerstag-Debatte annehmen, dass er es mit Strache nicht probieren wird. Ein Hindernis sind nicht nur dessen Positionen, sondern die personelle Leere hinter ihm. 2000 konnte die FPÖ auf mehrere Landesräte und erfolgreiche Manager verweisen. Was herauskam, wissen wir. Die FPÖ des Jahres 2006 jedoch hat schlicht niemanden, der mehr kann, als den nationalen Rosenkranz herunterzubeten.
In der Nomenklatur der SPÖ ist die Tendenz zur Bildung einer großen Koalition stärker als die Fangemeinde für ein Zusammengehen mit den Grünen. Wenn da nicht die Bewag-Affäre wäre, welche die Hoffnungen auf einen Sieg gewaltig dämpft.
Die Wut auf das sozialdemokratische Lager hat seit dem Hochsommer zwar abgenommen, könnte aber groß genug sein, die Partei mindestens in die Nähe von dreißig Prozent zu bringen. Genau das würde unter den Funktionären die Lust auf eine Regierungsbeteiligung stärken. Also auf eine Rückkehr in die 60er-Jahre. Alfred Gusenbauer als Bruno Pittermann.
Fix ist immerhin: Der Dritte wird diesmal nicht Erster sein.

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