"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gruppenbild mit Dame: Vier Angreifer und ein Verteidiger" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 29.9.2006

Graz (OTS) - Fast zwei Stunden lang hörte man gestern abend fünf nette, zivilisierte Herren, die man unverständlicherweise "Elefanten" nennt und die sich am Schluss noch ganz artig bei einer ebenso netten Dame dafür bedankten, dass sie sie dirigiert hatte, freundlich diskutieren.

Sie waren zwar in vielem unterschiedlicher Meinung, aber über die Rollenverteilung zwischen ihnen herrschte Einverständnis: Vier waren Angreifer und einer, nämlich Wolfgang Schüssel, der Verteidiger. Dass sie ihm damit auch unbeabsichtigt die Rolle des Schiedsrichters zuspielten, war unvermeidlich und er spielte sie mit sichtlichem Vergnügen. Er war es, der unter Assistenz der Moderatorin zu jeder Sache das abschließende Wort sagte. Nur Peter Westenthaler versuchte, sich als ehemaliger Koalitionspartner an Schüssel anzubiedern, was dieser freundlich ignorierte.

Erst in den allerletzten Minuten kam die Frage auf den Tisch, die ständig unsichtbar im Raum geschwebt war: Wer will mit wem wie regieren? Und da gab es eine Überraschung: Heinz-Christian Strache, der sich bisher als Berufs-Oppositioneller geriert hatte, zeigte plötzlich Geschmack am Regieren. Sein Angebot wurde aber von niemandem angenommen.

Alfred Gusenbauer konnte nicht erspart bleiben, zu erklären, was er mit seiner Ankündigung in der Kleinen Zeitung, er wolle nur mit einer "abgestraften" und "abgewählten" ÖVP regieren, gemeint hatte. Letzteres konnte man nur so verstehen, dass er nur als Kanzler in eine Regierung gehen wolle. Die SPÖ müsse die "stärkste Kraft" werden, bestätigte er gestern.

Das bedarf einer Erklärung. Was wird er tun, wenn er dieses Ziel zwar nicht erreicht, sich aber nur eine große Koalition ausgeht, was leicht passieren kann? Dann muss die SPÖ regieren. Will Gusenbauer dann nicht Vizekanzler werden?

Man sieht, solche Ankündigungen zum Zweck, den eigenen Anhängern den Ernst der Lage vorzuführen und sie zu den Urnen zu bringen, sind zumindest unvorsichtig.

Gusenbauer hätte sich an Schüssel erinnern sollen, der 1999 in die Opposition gehen wollte, wenn er Dritter werden sollte. Der Fall trat ein. Thomas Klestil war höflich und Michael Häupl unflätig, aber beide appellierten an Schüssel, doch nicht "wegen 415 Stimmen" ein Versprechen zu halten. Die ÖVP werde zur Regierungsbildung gebraucht.

So könnte es am 2. Oktober auch der SPÖ gehen. Zu ihrem Glück oder Pech könnte die Auswahl der Möglichkeiten aber auch größer sein. ****

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