DER STANDARD-Kommentar "Wer die Latte legt" von Conrad Seidl

- Ausgabe 29.9.2006

Wien (OTS) - Die Ausgangslage für die Nationalratswahl lautet: 37 bis 38 Prozent für die ÖVP, 34 bis 36 Prozent für die SPÖ, jeweils etwa zehn Prozent für die FPÖ, jeweils knapp drei Prozent für das BZÖ und für die weiße Liste MATIN von Hans-Peter Martin, die Kommunisten unter der Ein-Prozent-Marke.

Wie bitte? Erinnern wir uns, dass die einleitende Aussage nicht stimmt: Dies ist eben nicht die Ausgangslage für die Wahl, sondern bloß ein breiter Konsens der Meinungsforscher. Auf die Hinweise aller seriösen Institute, dass hier erhebliche statistische Unschärfen verborgen sind und dass die Prognosekraft dieser Hochrechnungen beschränkt ist, hören nur die, denen diese Hinweise gerade gelegen kommen - etwa weil sie ihrer Gefolgschaft noch kurz vor der Wahl Beine machen wollen.

Die anderen nehmen als gegeben hin, dass das Wahlergebnis irgendwie an dem gemessen werden muss, was die Meinungsforscher vorher veröffentlicht haben: Bekommt beispielsweise die SPÖ am Sonntag nur 33 Prozent, die ÖVP aber 38, dann dürfte der ÖVP allgemein attestiert werden, dass sie die Erwartungen erfüllt oder gar übertroffen hat, man würde das als glänzenden Wahlsieg sehen, während die SPÖ-Verluste als besonders herb dargestellt werden. Dabei würden 33 Prozent für die SPÖ einen kleineren Verlust gegenüber dem letzten tatsächlichen Wahlergebnis (36,5 Prozent) darstellen als ihn eine von real erreichten 42,2 auf 38 Prozent fallende ÖVP erleiden würde.

Das ist, wie die deutsche Bundestagswahl im Vorjahr gezeigt hat, nicht bloß Zahlenspielerei. Wer die Latte mit der Meinungsforschung legt, stellt unbemerkt die Weichen für Koalitionsverhandlungen: Die durch Umfrage-Erwartungen verzerrte Wahrnehmung des tatsächlichen Ergebnisses bestimmt, wer stark und wer schwach in die Verhandlungen geht.

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