"Patschertes Leben?": Experten über "verlorene" Vergangenheit

Fachtagung österreichischer JugendamtspsychologInnen am 4. Oktober: "Etwas Besonderes, nur mein Leben!"

Wien (OTS) - JugendamtspsychologInnen aus ganz Österreich treffen in den nächsten Tagen zu ihrer jährlichen Fachtagung im Wiener Rathaus ein, die am 4.Oktober um 9:15 Uhr von Vizebürgermeisterin Grete Laska eröffnet wird. Heuer steht das biografische Fallverstehen im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Diskurses. Kann so ein "patschertes" Leben etwas Besonderes sein? Die meisten Menschen messen ihrem Leben ja keine große Bedeutung bei, sie wenden sich lieber den Biografien von Schauspielern, gekrönten Häuptern oder anderen Prominenten zu - was kann man da nicht alles lesen! JugendamtspsychologInnen beschäftigt die Frage, wie Kindern, die im Rahmen der Jugendwohlfahrt betreut werden, eine aktive Auseinandersetzung mit ihrer Lebensgeschichte ermöglicht werden kann. Die verloren geglaubte Vergangenheit erschwert jungen Menschen das gegenwärtige Leben oft sehr und behindert sie in ihrer weiteren Entwicklung. Deshalb ist das Ziel dieser Tagung einen besonderen Blick auf die Vergangenheitssicherung und Bewältigung dieser Kinder oder Jugendlichen zu legen und die Betroffenen in ihrem Identitätsbildungsprozess zu unterstützen.

Individuelle Entwicklung als lebensgestaltender Prozess

Die Entwicklungspsychologin Univ.-Prof. Dr. Eva Dreher von der Ludwig Maximilians-Universität München geht davon aus, dass neben der Anlage-Umwelt-Interaktion, die aktive Selbstgestaltung des Individuums in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Entwicklungskontexten einen bedeutenden Rang einnimmt. Aus entwicklungspsychologischer Sicht bieten so genannte "biografische Übergänge", "kritische Lebensereignisse" und "Entwicklungsaufgaben" relevante Zugänge zu Anforderungsmustern und Bewältigungsstilen. Die Re-Konstruktion der eigenen Lebensgeschichte verdient für jeden Menschen die Wertschätzung als "etwas Besonderes" - weil es sein Leben ist!

Die eigene Geschichte zählt oft nicht viel

Dr. Heidrun Schulze lehrt an der Universität Kassel. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Biografieforschung, biografische Psychosomatik, Migration und qualitative Sozialforschung. In ihrem Referat lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die biografische Selbstdeutung in den ganz alltäglichen Erzählungen von Individuen, die in professionellen Kontexten meist unterschätzt oder trivialisiert werden. Das Erzählen über sich und die Welt führt zu einer lebenslangen Auseinandersetzung, Reflexion und Bearbeitung pluraler und widersprüchlicher sozialer Anforderungen und eigener Impulse. Solche Erzählungen eigenerlebter Erfahrungen dienen einerseits dem Selbstverstehen und geben andererseits den Helfern die Chance gemeinsam mit dem Kind oder Jugendlichen neue, rückwärts gebundene und in die Zukunft gerichtete Perspektiven zu entwickeln.

Ich hasse euch alle!

Univ.-Prof. Dr. Hilde Kipp von der Universität Kassel, Leiterin des wissenschaftlichen Zentrums für Psychoanalyse, zeigt am Schicksal eines Jugendlichen, wie komplex der Prozess der Entwicklung zu einem gesunden Selbstverständnis unter erschwerten Bedingungen ist. Er hat vom 4. bis zum 15. Lebensjahr drei Pflegestellen und fünf Heime durchlaufen, bevor er es geschafft hat, sich in einer Einrichtung der Jugendwohlfahrt heimisch zu fühlen. In dem Kampf geht es darum, Halt zu finden und sich selbst nicht zu verlieren, sondern sich zu behaupten.

Wer bin ich?

Der Kinderpsychiater Dr. Hans Scheidinger geht von der These aus, dass die Wirklichkeit ein persönliches Konstrukt ist, das als Grundlage für die Erfindung der eigenen Persönlichkeit dient. Diese Hypothese stützen wissenschaftliche Erkenntnisse aus den Bereichen optische Wahrnehmung, Gedächtnis, Körperwahrnehmung und Psychopathologie. Er geht der Frage nach, ob solche Persönlichkeitsrekonstruktionen zwischen Science und Fiction überhaupt eine ausreichend gute Basis für die Bewältigung des Alltags von Kindern und Jugendlichen sein können.

Wie heißen die Eltern von Tick, Trick und Track?

Tick, Trick und Track sind drei Enten, die als Pflegekinder bei ihrem Onkel Donald in einem bindungslosen Gefüge in Entenhausen leben. Von ihren Eltern war in dem Comicskript nie die Rede. Der Sozialpädagoge Bodo Krimm aus Köln beschäftigt sich mit der Identität von Pflegekindern. Das Lebensskript ist ein wertvolles Konzept der Transaktionsanalyse. Bodo Krimm geht davon aus, dass "ein unbewusster" Lebensplan, der in der Kindheit aufgestellt und üblicherweise von den Eltern verstärkt wird, später durch weitere Ereignisse seine Rechtfertigung findet. Der Biografiearbeit kommt in der Arbeit mit Pflegekindern daher eine ganz besonders große Bedeutung zu.

Auf meinen Spuren

Univ.-Prof. Dr. Herbert Gudjons und Birgit Waegner-Guidons aus Hamburg erklären das Konzept der biografischen Selbstreflexion. Neuere Forschungen zu hirnorganischen Mechanismen beweisen, dass zahllose Hirntätigkeiten und -funktionen damit betraut sind, lebensgeschichtliche Kontinuität herzustellen, - manchmal als Fiktionen auf Kosten der "Wahrheit", wie viele Experimente zeigen. Gerade in der Zeit, in der "Normalbiografien" immer mehr zerbrechen, feste Orientierungen schwinden und Traditionen den Menschen in die selbstverantwortete Freiheit entlassen, kommt der "Biografisierung" des Aufwachsens große Bedeutung zu.

An dieser Thematik interessierte Journalisten sind herzlich willkommen und haben die Möglichkeit Interviews zu führen. (Schluss) spe

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