"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Rückzieher in Berlin war Öl für die Angstmaschine" (Von Michael Tschida)

Ausgabe vom 28.09.2006

Graz (OTS) - Ich bin zwar anderer Meinung als Sie, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass Sie sie äußern dürfen", sagte Voltaire. Besser kann man die Begriffe Freiheit und Toleranz nicht auf den Punkt bringen als der französische Meister der Aufklärung.

Die Absetzung der religionskritischen Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" vom Spielplan der Deutschen Oper Berlin entfacht einhellige Proteste. Zu Recht. Weil es in der Diskussion um diesen fatalen Rückzieher nicht bloß um Kulturpolitik geht, sondern um Grundrechte des Menschseins. So wenig, wie man sich die Freiheit wegbomben lassen darf, so wenig darf man zulassen, den Weg zu den Zündern widerstandslos freizumachen.

Der Bückling vor jenen, die nur begierig auf das Buckeln warten, war nicht Sicherheitsdenken, wie vorgegeben, sondern ein Öffnen der Flanke, dessen Ausmaß noch gar nicht abzusehen ist. Griffigere Public Relation für Al-Kaida & Co lässt sich jedenfalls gar nicht denken. Man braucht gar keine Maschinen mehr, die in Wolkenkratzer fliegen, nur noch die Angstmaschine. Mit Aktionen wie in Berlin läuft sie jedenfalls wie geschmiert.

Laut FAZ war es eine anonyme Musikfreundin, die kurz nach dem Karikaturenstreit im Frühjahr des Jahres die Polizei auf ein mögliches Konfliktpotenzial in der Oper aufmerksam machte. In einem Epilog werden vier Göttern - Poseidon, Buddha, Jesus und Mohammed -der Kopf abgeschlagen, wobei sich die Inszenierung "weder gegen den Islam noch gegen irgendeine andere Religion richtet, sondern ein Diskurs über Religionsstiftung ist", wie Hans Neuenfels betont.

Jetzt muss man nicht gleich Blutspritzer auf Theaterbühnen als Illustrierung für Streitthemen mögen, aber dem Regisseur Recht geben, wenn er sagt: "In einer Demokratie darf man das Diskursrecht nicht kampflos aufgeben."

Womit wir wieder bei Voltaire sind, aber auch bei der Binsenweisheit, dass jede Freiheit Grenzen hat. Nach vorne verschoben, verletzt sie den anderen. Nach hinten verschoben, verletzt sie einen selbst,, weil es das Nachrücken jener provoziert, die auf Lücken lauern. Und Terror lauert.

Das Berliner Beispiel lehrt uns: Wie den Schutz vor dem Terror braucht es auch den Schutz vor der Feigheit. Erst gestern hat ARD einen so brisanten wie ausgezeichneten Krimi über einen türkischen Drogenhändler ins Nachtprogramm verschoben. Verstecken, absetzen, was kommt als Nächstes?

"Man darf nicht alles im Düsteren versacken lassen. Es muss wieder hell werden in Deutschland, hell", sagt Regisseur Neuenfels. Mehr Licht braucht's überall.****

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