"Die Presse" Leitartikel: Der Höhepunkt der Selbstzensur von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 28.09.2006

Wien (OTS) - Das heutige Europa und der heutige Islam passen nicht zueinander. Das liegt am Islam, nicht an Europa.

Kirsten Harms, die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, wird viel gescholten dieser Tage. Zu Recht: Ihre Entscheidung, die Neuenfels-Inszenierung des "Idomeneo", in deren Schlussszene die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Buddha, Jesus und Mohammed zu sehen sind, abzusagen, weil ein "unkalkulierbares Sicherheitsrisiko" bestehe, ist vollkommen aberwitzig. Doch der Aberwitz birgt eine Chance: Was Frau Harms getan hat, ist so absurd, dass inzwischen nicht nur jedem Deppen, sondern sogar linken Politikern, dialogverliebten Kirchenverantwortlichen und gutwilligen Multikulti-Enthusiasten klar geworden sein könnte, was im so genannten "Dialog" zwischen dem Islam und der westlichen Welt gespielt wird: ein intellektuelles Erpressungsspiel, in dessen Verlauf die Vertreter der islamischen Welt dem Westen unter Hinweis auf die Kreuzzüge des Mittelalters und die US-Interventionspolitik der Gegenwart vorgeben, was man schreiben, spielen und zeichnen darf - und was nicht.
Denn Opfer, das gehört zu europäischen Diskurstradition des 20. Jahrhunderts, haben immer Recht.
Ein Teil der europäischen Intellektuellen, vor allem jener, der sich aus der 68er-Tradition einer linksliberalen Intelligenzija rekrutiert, spielte lange freudig mit: Die Scham vor der eigenen Geschichte und die Verachtung der eigenen religiös-kulturellen Tradition gehört zu ihrem Grundhabitus. Sie finden auch, dass die katholische Kirche eine verbrecherische Institution und die Vereinigten Staaten von Amerika die Ursache des Großteils zeitgenössischer Übel sind, da sind sie sich mit den Dschihadisten weitgehend einig.

So kam es, dass während der vergangenen Jahre ausgerechnet die Vertreter jenes Milieus am empfänglichsten für die mit Opferrhetorik vorgetragene religiös-politische Propaganda eines expansiven Islam gewesen sind, das eigentlich einen Gutteil seines intellektuellen Selbstverständnisses aus der Entfernung der Religion aus der Gesellschaft bezog. Das nennt man wohl Dialektik der Aufklärung. Ihr folgt möglicherweise eine List der Geschichte auf dem Fuß: Es könnte sein, dass wir der prophylaktischen Hysterie einer Berliner Operndirektorin den ersten wirklichen Fortschritt in jenem Gesprächsprozess verdanken, der bisher fälschlicherweise als "Dialog" bezeichnet wurde. Das, was nach den Ereignissen des 11. September in Staatskanzleien, Kathedralen und anderen wirklichkeitsfernen Orten der Welt veranstaltet wurde, war nichts weiter als Beschwichtigungszeremonien unter absurd falschen Vorzeichen: Anlass waren immer Anschläge oder gewalttätige Ausschreitungen islamischer Extremisten. Inhalt der Gespräche hingegen waren in der Regel die devoten Versicherungen von Kanzlern, Präsidenten und Kardinälen, dass an eine Neuauflage der Kreuzzüge nicht gedacht sei. Das war der Beginn der intellektuellen "Kapitulation", die der streitbare Publizist Henryk M. Broder in seinem jüngsten Buch beschreibt. Der vorläufige Höhepunkt der damit eingeleiteten Selbstzensur war die Absage der "Idomeneo"-Aufführung in Berlin.

Man kann nur hoffen, dass es auch ein Wendepunkt ist. Das würde bedeuten, dass in zukünftigen "Dialog"-Veranstaltungen Klartext geredet wird: Das Problem ist nicht, dass es auch in der Geschichte Europas und des Christentums Gewaltexzesse gegeben hat. Das Problem ist, dass namhafte Vertreter unserer Gesellschaften in einem beispiellosen Prozess der Selbstaufgabe nicht bereit sind, die Überwindung dieser Phänomene als Grundlage für die zivilisatorische Überlegenheit des Westens gegenüber jenen Gesellschaften zu benennen, in denen dieser Prozess noch nicht stattgefunden hat.
Das Problem ist nicht, dass unsere Gesellschaften gelernt haben, entspannt damit umzugehen, dass Autoren, Maler und Theaterleute in ihren Arbeiten die latenten Reste der alten Strukturen freilegen, um die Diskussion darüber voranzutreiben. Das Problem ist, dass sich in den Protesten gegen solche Arbeiten die Unfähigkeit oder Unwilligkeit zumindest von Teilen der islamischen Zuwanderergesellschaften zeigt, sich ihren eigenen Versäumnissen im Prozess der Aufklärung zu stellen.
Der deutsche Innenminister Schäuble hat das Ziel der gestern eröffneten Islam-Konferenz klar benannt: "Wir wollen aufgeklärte Muslime in unserem aufgeklärten Land." Wer das will, muss aufhören, den "Dialog" als unverbindlichen Austausch von Freundlichkeiten zu missdeuten.

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