WirtschaftsBlatt Kommentar vom 27. 9. 2006: Vertrauen ist gut, Rückgrat ist besser... - von Peter Muzik

Karin Gastinger hat von Schüssel kein Freiticket bekommen

Wien (OTS) - Ich glaube das einfach nicht. Eine Umfrage der Sozialwissenschaftlichen Studiengemeinschaft unter 1050 Befragten kommt zu dem Ergebnis, dass die Programme der Parteien für die Mehrheit der Österreicher bei ihrer Wahlentscheidung wichtiger als die Kandidaten sind. Vielleicht mag das für einen relativ kleinen, aber durchaus exklusiven Wählerkreis wie die UnternehmerInnen gelten - genau für diesen berichtet das Wirtschafts-Blatt ausführlich über die unterschiedlichen Parteistrategien -, dem Gros der Österreicher und Österreicherinnen dürften derartige Konzepte allerdings ziemlich schnurzegal sein.

Ich vertrete vielmehr die Auffassung, dass es sowohl für die klassischen Wechselwähler als auch für die vielen noch Unentschlossenen letztlich ausschlaggebend ist, wie sich die handelnden Personen - sprich: die Spitzenkandidaten und ihre wichtigsten Parteigänger - präsentieren. Die entscheidenden Kriterien, warum die sogenannte breite Masse jemanden wählt oder nicht, haben - wie beim Medium Fernsehen - (leider) sehr viel mit Oberflächlichkeit zu tun. Entscheidend ist zumeist nicht, was jemand zu sagen hat, wie er argumentiert, sondern ob er sympathisch rüberkommt, kompetent wirkt, telegen ist, ob er/sie glaubwürdig zu sein scheint und eine schöne bunte Krawatte/ein hübsches Kostüm trägt. Ein gutes Beispiel für unsere These ist Karin Gastinger, die sich innerhalb von zwei Jahren immerhin von einer unbedarften Polit-Amateurin zu einer passablen Justizministerin gemausert hat. Sie liegt in einschlägigen Umfragen, etwa im APA/OGM-Vertrauensindex, an der hervorragenden fünften Position (hinter Fischer, Josef Pröll, Plassnik und Van der Bellen) und galt bislang als beliebteste BZÖ-Ministerin.

Ihr relativ später, so knapp vor der Wahl auch ziemlich mysteriöser Austritt aus dem BZÖ wird der bisherigen Stellvertreterin Peter Westenthalers vermutlich weitere Pluspunkte bringen. Man wird ihr vielerorts hoch anrechnen, dass sie diese Ausländerpolitik der Orangen einfach nicht mehr mittragen will und kann - immerhin eine Politikern, die Rückgrat zeigt. Eine Politikerin auch, die bereit ist, wenn's sein muss, aus Überzeugung der Politik den Rücken zu kehren. So wird man zur Heldin hochstilisiert.

Allerdings ist es ein Glücksfall, dass Gastinger gestern von Wolfgang Schüssel kein Freiticket für die nächste Regierung bekam. Das hätte nämlich ihr Image wieder kräftig demoliert - und eine Opportunistin würde der ÖVP auch wenig bringen.

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