Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Notstand und Wohlstand

Wien (OTS) - Vermutlich laufen in etlichen Parteien - vor allem in der ÖVP - derzeit geheime Umfragen, um die Beliebtheit Karin Gastingers abzutesten. Ein ähnlich hoher Sympathiewert wie jener von Karl-Heinz Grasser im Jahre 2002 wird dabei gewiss nicht herauskommen. Denn Grasser ist damals von seiner eigenen Partei hinausgeekelt worden. Gastinger hat die ihre hingegen ohne aktuellen Anlass fünf Tage vor der Überlebenswahl des BZÖ verlassen. Als honorig empfinden das nur wenige.

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Bei einer Diskussion junger österreichischer Wissenschaftler in den USA wurde der Hauptgrund herausgearbeitet, warum viele nicht heimkehren: Die Posten an den hiesigen Unis sind auf Jahrzehnte hin durch Pragmatisierungen verstopft. Das aber wird bei uns nie diskutiert, obwohl die Grünen neuerdings den Bildungsnotstand ausgerufen haben (Österreich ist im Wahlkampf überhaupt zum Land der Notstände aller Art geworden). Die Erklärung ist einfach: Van der Bellen und Co. geht es ja keinesfalls um so etwas wie Eliten oder Leistungswettbewerb an den Unis, sondern bloß um die Stimmen des pragmatisierten Mittelmaßes.

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Die Kommunisten wissen es: "Es ist genug für alle da." Da muss nichts mehr erarbeitet werden, da muss Wohlstand nur noch umverteilt werden. So wie das auch Sozialdemokraten und die rapide sozialistisch gewordene FPÖ sagen. Interessanterweise wird damit aber auch gleichzeitig gesagt, dass die verteufelte Marktwirtschaft einen Wohlstand geschaffen hat, wie ihn weder der real existierende noch der demokratische noch der nationale Sozialismus je zustandegebracht haben.

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Für skurrile Argumente sind auch Italiens Gewerkschafter gut. Sie führen nun in öffentlichen Klagen den gehäuften Kokain-Missbrauch bei Bauarbeitern auf deren großen Arbeitsdruck zurück. Gäbe es wirklich diesen Zusammenhang zwischen schwerer Arbeit und Drogenkonsum, dann hätten sich die zu noch viel mehr Arbeit gezwungenen Arbeiter, Knechte und Bauern des 19. Jahrhunderts allesamt dem Rauschgift hingeben müssen. Und ganz China läge heute im Opiumnebel.

Auch ein Trost: Die Blödheit regiert weltweit.

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