Nach ihrem Austritt aus dem BZÖ gab Justizministerin Karin Gastinger ÖSTERREICH das erste Interview: "Ich will weiter in den Spiegel schauen können."

Warum gerade jetzt? "Hätte morgen bei Abschlusskundgebung Ausländerfeindlichkeit nicht vertreten können."

Wien (OTS) - ÖSTERREICH: Frau Minister, warum ist Ihnen fünf Tage vor der Wahl eingefallen, dass Sie das BZÖ verlassen wollen? GASTINGER: Ich weiß, es ist spät, sogar sehr spät. Das mach ich mir selbst zum Vorwurf. Aber es war eine sehr schwierige Entscheidung. Die schwerste Entscheidung in meinem Leben. Sie müssen die Hintergründe für meine Entscheidung kennen: Ich hätte morgen die große Abschlußkundgebung in Graz gehabt. Ich hätte dort all diese Dinge in Sachen Ausländerfeindlichkeit vertreten müssen, die ich mit meinem Weltbild nicht vertreten kann und auch nicht vertreten will. Ich habe einen kleinen Buben - ich will dem in ein paar Jahren in die Augen schauen können.
ÖSTERREICH: Der Anlaß war, dass sie nicht die Ausländerpolitik des BZÖ bei der Abschlusskundgebung vertreten wollten?
GASTINGER: Das BZÖ ist in dieser Form nicht mehr meine politische Heimat. Ich bin dem BZÖ seinerzeit mit Freude beigetreten, weil ich dachte, dass das eine liberale Bewegung wird, die wirtschaftsliberal sein soll, menschlich, die die fremdenfeindliche FPÖ im rechten Eck läßt. Dass das eine ausländerfeindliche Partei und so ein arger Wahlkampf wird, hätt' ich mir nie träumen lassen.
ÖSTERREICH: Und dann?
GASTINGER: Dann war im Wahlkampf plötzlich das Ausländerthema der Schwerpunkt. Dann hat Westenthaler diesen fürchterlichen Sager von den 300.000 Ausländern getan, die man abschieben muss. Da ist mir schlecht geworden. Es geht um Menschen, bitte! Ich kann mit meinem Gewissen einfach nicht vereinbaren, dass ich Spitzenkandidatin für eine Partei bin, die 300.000 Menschen einfach abschieben will. ÖSTERREICH: Sie hatten Differenzen mit Westenthaler.
GASTINGER: Er hat eine sehr pointierte Ausdrucksweise. Das ist nicht meins. Da tu ich mir schwer damit. Ich will einfach keine menschenverachtende Politik machen.
ÖSTERREICH: Und da sind Sie nicht früher draufgekommen? GASTINGER: Ich hab es mehrfach gesagt, daß ich da nicht mit kann. Ich hätte morgen bei der Abschlußkundgebung einfach krank sein können. Das wär' einfach gewesen: Einfach krank sein. Aber dann hab ich mir gedacht: Ich will weiter in den Spiegel schauen können. Ich will nicht Menschen auffordern, dass BZÖ zu wählen, wenn ich die Ausländerpolitik nicht richtig finde.
ÖSTERREICH: Aber die Regierung betreibt ja nicht gerade Ausländerpolitik für Amnesty International.
GASTINGER: Ich stehe zur Ausländerpolitik der Regierung - härteres Asylrecht, strengere Einwanderungsbestimmungen. Aber nicht mehr. ÖSTERREICH: Werden Sie in der Politik weitermachen?
GASTINGER: Nein. Nein. Nein. Wo bitte?
ÖSTERREICH: Zum Beispiel in der nächsten ÖVP-Regierung als Parteifreie wie Grasser.
GASTINGER: Ich habe kein Angebot. Ich habe alle Türen zugeschlagen. Ich steh auf der Straße, wenn Sie so wollen. Ich habe auch kein Angebot - ich schwör's. Aber ich bin gerne Justizministerin. Ich hätte noch viel vor.
ÖSTERREICH: Wenn ein Angebot kommt.
GASTINGER: ...dann überleg ich. Aber es wird kein Angebot kommen. So wichtig bin ich nicht.
ÖSTERREICH: Und jetzt?
GASTINGER: Ich bin unendlich traurig, dass ich den Freunden in meiner Partei weh getan habe. Und erleichtert, dass ich mir treu geblieben bin, dass ich mich weiter in den Spiegel schauen kann - und dass ich nicht für ein bisserl Karriere meine Gesinnung aufgegeben habe. Ich will nie was menschenverachtendes tun. Niemals.

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