Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Kommentar

Voves, Papst und Gyurcsany

Wien (OTS) - Zwar sei die Entschuldigung ein Zeichen von Größe, "aber das hätte nicht passieren dürfen". Also sprach Norbert Darabos - freilich nicht über den absoluten Tiefpunkt des Wahlkampfs, die Entgleisung seines Parteifreundes Franz Voves, der politische Gegner in einem an böse Zeiten erinnernden Jargon mit einem Krebsgeschwür verglich. Darabos tadelte vielmehr den Papst: "Ich verstehe den Wirbel und ich verstehe die Befindlichkeiten."

Der burgenländische Amateur-Theologe erregt sich also nicht über die Welle islamischer Drohungen und Aggressionsakte, bis hin zur Ermordung einer Nonne, sondern darüber, dass der Papst in einer wissenschaftlichen Rede falsche Worte gewählt habe. Darabos vergisst völlig, was in solchen Situationen erste und einzige Pflicht eines anständigen europäischen Politikers wäre, der es mit dem Bekenntnis zu Verfassung und Menschenrechten ernst meint. Was schon nach den blutigen Reaktionen auf dänische Karikaturen oder nach der Abschlachtung eines niederländischen Filmemachers Pflicht gewesen wäre: Die Meinungsfreiheit gegen jeden Druck, jede Gewalttätigkeit zu verteidigen. Ganz gleich, ob nun der Papst klug oder unklug, eine Karikatur geschmackvoll oder -los, ein Filmemacher korrekt oder inkorrekt war.

Die anderen vier Parlamentsparteien haben übrigens anständiger reagiert als der SPÖ-Sekretär. Das, was für Darabos gilt, gilt jedoch auch für die vielen ängstlichen Christen, die nach der Karikaturenkrise mehr den Zeichner als die Gewalttäter verurteilt haben. Vielleicht lehrt sie die nunmehrige Hysterie eines Besseren.

Genauso klar muss sein: Auch die in ihrer brutalen Ehrlichkeit wie ihrem unglaublichen Zynismus einmalige Rede des ungarischen Premiers Ferenc Gyurcsany rechtfertigt auf keinen Fall die jüngsten Gewalttaten eines ungarischen Mobs.

Diese Rede wird auch zum Menetekel über viele andere Wahlkämpfe:
Gibt sie doch offen zu, dass die leichtfertigen Wohlfahrtsversprechungen der ungarischen Sozialisten in den letzten Kampagnen bewusster Betrug gewesen sind. Mit anderen Worten: Die Gesetze der Ökonomie lassen sich nicht außer Kraft setzen, selbst wenn man sie noch so oft als neoliberal denunziert. Und auch dann nicht, wenn man wilde Wahlversprechen plakatiert.

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