Österreich braucht einen Gyurcsany

…aber bitte schon vor dem Wahltag

Wien (OTS) - In Ungarn müsste man sein. Dort ist jetzt durch die Veröffentlichung eines Rede-Mitschnitts von Premier Ferenc Gyurcsany wenigstens ein Zipfel jenes Geheimnisses gelüftet worden, das die Regierenden aus ihrer wahren Meinung über die Regierten einerseits und über ihr Regieren anderseits zu machen pflegen.

So offen hat es hierzulande noch keiner ausgesprochen, was die Wähler immer schon vermutet haben: "Wir haben die letzten Jahre durchgelogen. … Und was haben wir sonst während der vier Jahre gemacht? Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein können", bekannte Gyurcsany laut Tonbandmitschnitt. Und: "Wir haben fast keine Wahl. Wir haben keine, weil wir's verschissen haben."

Bis Gyurcsanys Beispiel auch bei uns Schule macht, wird es wohl noch einige Zeit dauern - ausserdem krankt sein erfrischendes Bekenntnis ja leider auch daran, dass er es erst nach der Wahl abgelegt hat. Die Veröffentlichung derartiger Reden gerade vor einer Wahl wäre ja doch eine beträchtliche Entscheidungshilfe für die Wähler.

Vorläufig müssen wir uns halt mit Aussagen aus dem jeweils gegnerischen Lager begnügen. Mittlerweile gibt es ja im Wahlkampf kaum noch Aussagen über den jeweiligen politischen Gegner, die ohne den Vorwurf der Lüge auskommen.

Und diese Vorwürfe sind offenbar nicht völlig aus der Luft gegriffen:
Die Behauptung der SPÖ, sie habe nie Spenden vom ÖGB (auch nicht über die dortige Fraktion Sozialistischer Gewerkschafter) erhalten, kommt ebenso mit ziemlich kurzen Beinen daher wie die Selbstberühmung, die Bundeskanzler Wolfgang Schüssel per Brief an seine potenziellen Wähler verbreitet: dass nämlich seine Regierung das Budget saniert und den Schuldenberg der Republik abgebaut hat.

Auch für die Wahlzuckerln aller Parteien ist die Stunde der Wahrheit noch nicht gekommen. Erst nach dem 1. Oktober werden wir erfahren, wie sie ihre Steuergeschenke (siehe Programm-Screening auf Seite 6) gegenfinanzieren wollen.

Leider gibt es in Österreich keinen Gyurcsany - und schon gar keinen, der schon vor der Wahl ehrlich sagt, was er sich denkt.

Diese Rolle müssen wohl wir selbst übernehmen. Und bei der Wahl jenen Parteien konsequent unsere Stimme verweigern, die uns seit dem letzten Mal nachweisbar für dumm verkauft haben. Selbst auf die Gefahr hin, dass für unsere Wahl keine übrig bleibt.

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