DER STANDARD-Kommentar "Der unschöne 'Marcel'-Faktor" von Barbara Tóth

Durch den Skandal gewinnt die ÖVP nichts, die SPÖ verliert - nur die FPÖ profitiert - Ausgabe vom 18.9.2006

Wien (OTS) - Die ÖVP hat es von Beginn an zu platzieren versucht, die SPÖ hat bis zuletzt mit großem Aufwand dagegengehalten, jetzt lässt es sich nicht mehr ändern: Mit den seltsam punktgenau öffentlich gemachten Anschuldigungen des Bawag-Totengräbers Wolfgang Flöttl und der ebenso publikumswirksamen Verhaftung des Ex-Gewerkschaftsbanken-Chefs Helmut "Marcel" Elsner hat dieser Nationalratswahlkampf sein bestimmendes und alles entscheidendes Thema gefunden.
Es braucht keine Umfragen, um die dramatischen Effekte dieser beiden Schlüsselereignisse weniger als zwei Wochen vor dem Wahlsonntag abzuschätzen. Das Treffen Elsners mit dem tiefschwarzen Industriellen Josef Taus kurz vor seiner Verhaftung spielt dabei nur mehr am Rande eine Rolle.
Es wird aber noch einer Reihe von Nachforschungen bedürfen, um die wahre Geschichte dieser Wahlausein-andersetzung schreiben zu können, die wohl als "Bawag-Wahlkampf" in die österreichische Zeitgeschichte eingehen wird.
Warum justament in der Intensivwahlkampfphase Informationen aus einem Tür-und-Angel-Gespräch zwischen den ermittelnden Behörden und einem Hauptbeschuldigten an die Öffentlichkeit geraten konnten, ist zumindest aufklärungsbedürftig - genauso wie das Verhalten der Staatsanwaltschaft seitdem.
Der "Marcel"-Faktor nutzt jedenfalls ganz klar der ÖVP - allerdings, und das wird bei den bereits im Stillen triumphierenden Schwarzen gerne vernachlässigt - nur indirekt. Die Misere rund um die Gewerkschaftsbank wird der ÖVP bloß helfen, ihr Wählerpotenzial auf hohem, aber nicht berauschend hohem Niveau zu stabilisieren. Auf vom Skandalsumpf frustrierte rote Überläufer braucht sie nicht zu hoffen. Eines ist der ÖVP mit ihrer "Bawag-ÖGB-SPÖ-Skandal"-Propaganda aber gelungen, und zwar, wie in jedem einschlägigen Politmarketing-Lehrbuch nachzulesen ist, zum wahlkampftechnisch perfekten Zeitpunkt: Die dank Pflegedebatte gut in Fahrt gekommene Wahlkampfmaschinerie der SPÖ ist wieder ausgebremst.
Experten sprechen von so genannten "Demobilisierungseffekten". In modernen, bipolar orientierten Wahlkämpfen gelingt es den traditionellen Volksparteien nämlich kaum noch, Wähler aus dem anderen Lager zum Wechsel zu bewegen. Jede gelungene Kampagne bemüht sich also in erster Linie darum, das eigene Wählerpotenzial in Bewegung zu setzen - und die Sympathisanten der Mitbewerber zu demoralisieren, bis sie entweder gar nicht mehr zur Urne schreiten oder sich Protestparteien zuwenden. Als Sieger geht ins Ziel, wer annähernd 100 Prozent seiner Wählerschaft mobilisieren konnte.
Die ÖVP wird durch den Bawag-Skandal also nicht stärker, die SPÖ aber schwächer - und das bei dieser Wahl gleich durch drei Parteien vertretene Protestspektrum profitiert - allen voran die FPÖ, mit Abstrichen Hans Peter Martin und das - demoskopisch - unter der Wahrnehmungsschwelle grundelnde BZÖ.
Noch ist es im Bewusstsein der Öffentlichkeit nicht durchgesickert, aber aufgrund des unschönen "Marcel"-Faktors hat die FPÖ realistische Chancen, die schon gewohnheitsmäßig im Wahlkampffinale schwächelnden Grünen zu überholen. Der Bawag-Skandal wird also rückblickend nicht nur das Rennen um Platz eins, sondern möglicherweise auch jenes um Platz drei maßgeblich mitentschieden haben.
Die für die ÖVP gewiss kompromittierende Tatsache, dass Elsner und Taus einander noch knapp vor der Verhaftung sahen, liefert der SPÖ noch etwas Restmunition für ihren "Wir-sind-Opfer-einer-politischen-Verschwörung"-Vorwurf, mit dem sie die Schlussphase ihrer Kampagne wird bestreiten müssen. Das mag die Funktionäre in den Kernbereichen in Jetzt-erst-recht-Stimmung versetzen. An den Rändern der Bewegung spielt das aber kaum eine Rolle. Für Platz eins reicht es sicher nicht

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