"Kleine Zeitung" Kommentar: "Trotz des realen Terrors fliegen wir weiter in den Urlaub" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 11.09.2006

Graz (OTS) - Genau heute vor fünf Jahren errang der weltweite Terror seinen bisher größten Erfolg: 9/11. Seither gelangen den Terroristen weitere spektakuläre Anschläge von Madrid über Bali bis London. Jedem interessierten Bewohner dieser Welt muss inzwischen klar sein, dass zu jeder Minute ein neuer, gelungener Anschlag gemeldet werden kann. Muss man von einem Triumph des Terrors sprechen?

Ja sagt manchmal die Emotion. Ja sagt, wer in absoluter Sicherheit leben will. Nein darf jeder sagen, der bereit ist, auch in dieser Frage nachzudenken und abzuwägen.

Osama bin Laden regiert weder in Washington noch in Rom, nicht einmal in Kabul oder Kairo. Er versteckt sich irgendwo in den pakistanisch-afghanischen Grenzbergen. Sehen so die großen Sieger der Weltgeschichte aus? Wohl kaum. Aber sein Wort zählt für Millionen Moslems als Gemütsgrundlage für die Beziehung zu anderen Gesellschaften und Religionen. Für tausende ist sein Wort die Grundlage und Ansporn, selber terroristisch aktiv zu werden.

Bin Laden hat das Selbstmordattentat "salonfähig" gemacht. Dass er dazu den Islam um 180 Grad umdeuten musste, kümmert weder ihn noch seine Anhänger. Aber die Radikalität grenzt seine Wirkung auch ein. Sie löst nicht nur Faszination aus, sondern ebenso Abscheu. Der Abscheu überwiegt auch im Islam deutlich.

Andererseits gibt es viele Terroristen und wir müssen mit ihnen leben. Sie sind in der Regel erst nachher erkennbar. Ihre Methode ist kostengünstig und wirksam. Aber sie darf als genauso vergänglich angesehen werden wie die Seuche der Flugzeugentführungen einige Jahrzehnte vorher. Auch Terror unterliegt der Mode. Derzeit ist Bin Laden "in".

Es scheint, als ob wir im Alltag bereits die einzig reale Antwort gefunden hätten. Wir mögen uns fürchten, aber wir fliegen weiter in den Urlaub. Wir akzeptieren, mehr oder weniger zähneknirschend Videoüberwachung, Fingerabdrücke, lästige Wartereien und Abtastereien. Aber wir leben weiter wie bisher. Wir verstecken uns nicht in Schutzbunkern, sondern begehen die Gehsteige, kaufen in Supermärkten ein, besuchen Städte wie London oder New York.

Wir werden gewinnen, wenn wir uns vom Terror nicht verrückt machen lassen. Das ist die Mauer, an der der Terror abprallt, wo seine Macht zur Ohnmacht wird, um pathetisch zu sein. 9/11 war höchstens wie Pearl Harbour, um es im amerikanischen Umfeld zu sagen. Pearl Harbour war der Anfang vom Ende - für den Angreifer. ****

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