"Die Presse" Leitartikel: "Bildungspolitiker im Bildungsnotstand" (von Erich Witzmann)

Ausgabe vom 11.9.2006

Wien (OTS) - Der (alte) Nationalrat wird am Dienstag bei einer Sondersitzung noch einmal zur parteipolitischen Bühne. Bildungsnotstand! Unter dieser Devise wird auf Antrag der SPÖ am Dienstag eine Sondersitzung des Nationalrats stattfinden. Weil gerade Schulbeginn ist, sagen die Sozialdemokraten. Weil wir uns im Intensivwahlkampf befinden, so die wahre Intention.
Bildungspolitik im Allgemeinen und die Schule im Besonderen sind in das Zentrum der Wahlauseinandersetzung geraten. So gut wie jeder glaubt, nach seiner (zumindest neunjährigen) Schullaufbahn mitreden zu können, jeder weiß es besser. Punkto Schule sind wir ein Land der Experten. Hat ein Schüler schlechte Noten, ist die Ministerin Schuld; zeigt eine Lehrkraft Defizite, dann hat die Ministerin versagt; und fehlen in einem Klassenraum Kleiderhaken, dann zeige dies - so dieser Tage ein SPÖ-Bereichssprecher - "die Misere der Gehrer-Schule".
Das letzte, vom SPÖ-Pressedienst ausgesandte Bonmot, richtet sich freilich von selbst und ist aktuellen Anliegen alles andere als förderlich. Denn abseits der Kleiderhaken (für die in der zitierten Schule die Gemeinde Wien zuständig ist) ist natürlich einige Kritik an der Bildungspolitik der vergangenen Jahre anzubringen. Die Motivation zahlreicher Pädagogen ist auf einem Tiefpunkt angelangt, ausgebrannte Lehrer sind keine Seltenheit. Hier sind Rezepte "von oben", also vom Ministerium, gefragt. Dazu kommt, dass die Lehrer von zwei Seiten zum Prellbock geworden sind. Auf der einen Seite sind es die Eltern, auf der anderen die Schulaufsicht, denen die allgemeine Zufriedenheit und Unauffälligkeit ihrer Schule wichtiger als ein kantiger, aber produktiver Unterricht ist.

Der Stellenwert der Lehrer muss neu definiert werden. Ohne deren engagierte Mitarbeit ist keine Schulreform umzusetzen. Die Unterrichtsdidaktik, neue Anforderungen, Schwerpunkte in den Naturwissenschaften, all das harrt eines weiteren Reformpakets. Hier kämpft jeder Fachbereich um seinen Besitzstand, wobei sich der Kampf gegen eine drohende Verordnung des Ministeriums richtet und nicht die fachliche Kontroverse mit den anderen Fächern gesucht wird. Und die Ministerin scheut die Kontroverse.
Pisa und Gesamtschule, diese Begriffe werden in der Sondersitzung wohl am häufigsten strapaziert werden. Auf der einen Seite die Pisa-Gläubigen, auf der anderen jene, die mit ihren Argumenten gegen weltweit gleich gehobelte Rankings zu Felde ziehen - wo aber steht unsere Bildungsministerin? Wie definiert sie die Anforderungen für die 15-Jährigen? Da werden großartig Bildungsstandards eingeführt, die in der vierten, achten und später in der 12. Schulstufe erreicht werden sollen. Aber gleichzeitig wird versichert, dass es keinerlei Konsequenzen bei Nichterreichen der Standards gegeben wird; dass die Öffentlichkeit nicht einmal erfahren soll, an welcher Schule die Anforderungen erfüllt werden und an welcher nicht. Wenn schlechte Ergebnisse ohne Folgen bleiben, braucht man sich über ein ebenso schlechtes Resultat im umstrittenen Pisa-Test nicht wundern.

Viele Schüler sitzen in der für sie falschen Schule, haben schlechte Noten und drücken das Niveau ihrer Klasse. SPÖ und Grüne wollen diesem Missstand mit der Gesamtschule Abhilfe verschaffen: Alle in einer Schule, dort wird nach Leistung und Begabung differenziert (wie etwa beim Pisa-Sieger Finnland). Die ÖVP, die sich dagegen stemmt, fühlt sich wie ein gebranntes Kind: Vor 25 Jahren wurden im Rahmen einer großen Schulreform (7. SchOG-Novelle) die Lehrpläne von Hauptschule und AHS-Unterstufe gleich geschaltet und in der Hauptschule drei Leistungsgruppen eingeführt. Wobei das erste, zum Teil auch zweite Leistungsniveau voll dem AHS-Niveau entsprach. Diese unter Unterrichtsminister Fred Sinowatz beschlossene Novelle wurde, da man die Einheitsschule nicht erreicht hatte, von Beginn an von der SPÖ bekämpft. Mittlerweile haben in den SPÖ-dominierten Bundesländern viele Hauptschulen die Leistungsgruppen auch aufgehoben.
Wundert es da, wenn die ÖVP im gegliederten Schulsystem eine höhere Qualität sieht, wenn sie lieber Übergänge von einer Schulform in die andere schafft?
Aber wahrscheinlich geht es in der Sondersitzung nur vordergründig um Inhaltliches. Die SPÖ brachte zuletzt in ihren Pressekonferenzen den (ursprünglich von Gehrer bestellten) österreichischen Pisa-Leiter Günter Haider in Stellung, der Gefallen an dem Ministeramt äußert. Die außertourliche Nationalratssitzung kommt da als zusätzliche politische Plattform gerade recht. Dass das Fell des Bären etwas zu früh verteilt wird, scheint SP-Chef Gusenbauer nicht zu stören.

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