"Kleine Zeitung" Kommentar: "Trübung des Quellwassers" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 10.9.2006

Graz (OTS) - Längst ist dieser kurze, viel zu lange Wahlkampf abgeglitten ins Derbe und durchschneidet mit dröhnender Inhaltsleere die Nachsommerstimmung. Wo in naiver Erwartung ein Wettbewerb der klügsten Köpfe und besten Ideen hätte stattfinden sollen, ein Nachdenken über den Zustand des Landes, wird durch das Hochkitzeln niederer Instinkte eine Stimmung erzeugt, die das Land eng und klein und unansehnlich erscheinen lässt.

Wenn schon keine Inhalte erkennbar sind, dann wenigstens die strategischen Linien der beiden Großparteien. Die ÖVP will, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind. Folglich malt sie das Land in den schönsten Farben. Ihr Lob des Bestehenden ist patriotisch aufgeladen und mitunter gnadenlos. Die Pflegedebatte hat den Wellness-Kurs durchkreuzt. Der Kanzler war ungehalten und redete das Thema klein. Es schlug sich mit dem Quellwasser auf den rotweißroten Plakaten.

Mit dem Leugnen beging Wolfgang Schüssel einen schweren Fehler: Er frischte das Image des kühlen Machthabers auf. Es kostete die ÖVP viel Mühe, das Bild zurechtzurücken. Der Vorsprung auf die SPÖ schmolz zwischenzeitig.

Das zeigt, dass der Wahlkampf noch Unwägbarkeiten bereithalten könnte. Nichts fürchtet die ÖVP mehr als eine komfortable Führung, die die Funktionäre in Sicherheit wiegt. Nicht zufällig ermahnte Schüssel in Bad Schallerbach die Funktionäre, nicht zu rasten. Aus der Partei hört man, dass rosige Umfragendaten intern gar nicht mehr kommuniziert werden. Sie würden die Mobilisierungskraft dämpfen.

Inhaltlich beschränkt sich die Partei auf die Verkündigung des Erreichten - und auf den Kanzler. Wo die Partei Versprechen macht, wirken sie wie das Eingeständnis eigener Versäumnisse. Das gilt für Elisabeth Gehrers späte Eruption von Reformeifer ebenso wie für die Ankündigung, 150.000 neue Jobs schaffen zu wollen. Die Verheißungen tönen wie die späte Kompensation unbearbeiteter Schwachstellen.

Eine der Hypotheken, die Bildungspolitik, will die SPÖ am Dienstag im Parlament bloßlegen. Die Partei hat sich nach dem Bawag-Schock halbwegs erfangen. Die rüde, riskante Gangart ("Schüssel lügt") zielt auf die Mobilisierung nach innen. Die scheint Alfred Gusenbauer zu gelingen, wenngleich sie allein zur Kanzlerstärke nicht ausreichen wird. Der Herausforderer muss auch nach außen strahlen, eine Wende-Stimmung entfachen. Spürbar ist sie noch nicht.

Immerhin zeigt sich die Partei wieder geschlossen. Sie erweckt zwar noch immer nicht den Eindruck, sich für den Spitzenkandidaten die Lunge aus dem Leib zu rennen, wohl aber für den Rest an Hoffnung. ****

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