"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Das Heimspiel" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 8. September 2006

Innsbruck (OTS) - Tausende Privatautos werden - angelehnt an die Gebräuche bei der Fußball-WM - in vatikanischem Gelb-Weiß beflaggt. Ministerpräsident Edmund Stoiber sieht ein "Jahrtausendereignis" auf sein Land zukommen und will künftig das Christliche an der Christlich-Sozialen Union stärker betonen. Bayern ist mit einem Anteil von 58 Prozent Katholiken gegenüber 27 Prozent im übrigen Deutschland das katholischste Bundesland. Und sogar das Wetter wird in den kommenden Tagen perfekt sein.

Einem Triumphzug des Papstes durch das Land, in dem er die ersten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte, steht somit nichts im Weg.

Mag sein, dass der Mensch Joseph Ratzinger im Amtsträger Benedikt XVI. dem Heimspiel mit gemischten Gefühlen entgegensieht. Während er als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation in Rom mehrmals jährlich ein Flugzeug besteigen konnte, um seinen Bruder zu besuchen und in seinem Haus in Pentling nach dem Rechten zu sehen, ist das für den Papst undenkbar. Wahrscheinlich ist, dass der 79-Jährige zum letzten Mal in seine Heimat zurückkehrt.

Die Zeit für private Erinnerungen und Begegnungen wird jedoch in Minuten bemessen sein. Die Bayern wollen ihren Papst feiern und das Fernsehen wird ununterbrochen live dabei sein.

Dazu kommt, dass sich die Situation auf dem Boden der katholischen Tatsachen im südlichsten deutschen Bundesland nicht wesentlich vom übrigen Europa unterscheidet. Auch im Freistaat ist jede dritte Gemeinde ohne eigenen Pfarrer, im Erzbistum München wurden 2005 gerade einmal sechs Priester geweiht und es gibt mehr Sterbefälle und Kirchenaustritte als Taufen, sprich: Die Zahl der Katholiken sinkt langsam, aber doch.

Nicht umsonst hat Papst Benedikt in einer Art Hirtenbrief als offizielles Motto für seinen Bayernbesuch ausgegeben, er wolle "die Freude am Christentum neu wecken".

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