WirtschaftsBlatt Kommentar vom 8. 9. 2006: Die Republik soll Seibersdorf in Ruhe lassen - von Peter Muzik

Der Staat müsste sich aus Seibersdorf zurückziehen

Wien (OTS) - Er hat die Nase endgültig voll: Karl Heinz Aschenbacher, Betriebsratsboss der Austrian Research Centers GesmbH (ARC), ist einer der Proponenten der gestern vorgestellten Initiative "Pro Forschung". Was diese kritisiert und was sie fordert steht in unserer Story auf Seite 2. An dieser Stelle geht es darum, klarzumachen, warum das Forschungszentrum Seibersdorf in eine schwere Krise gerasselt ist: Das hat zweifellos mit politischer Einflussnahme, verfehlter Jobvergabe und kaufmännischem Missmanagement zu tun.

Eine stark blau eingefärbte Führungsclique - mit Ex-Politikern wie Helmut Krünes und Martin Graf an der Spitze - hat die Dinge jahrelang ebenso wenig im Griff gehabt wie der geradezu hilflose Aufsichtsrat, in dem beispielsweise Ex-ÖIAG-Chef Rainer Wieltsch und Ex-Minister Mathias Reichhold sitzen. Ein ebenso lustloser wie überforderter Minister (Hubert Gorbach) und ein Staatssekretär (Eduard Mainoni), dessen Un-tätigkeit gefährlich nahe bei Unfähigkeit angesiedelt ist, haben in der Angelegenheit ARC längst die Übersicht verloren. Jetzt beträgt das Finanzloch angeblich mehr als zehn Millionen Euro, ein Sparkurs ist angesagt, die ersten Kündigungen sind vollzogen, fast hundert Jobs wackeln.

Die Austrian Research Centers GesmbH, deren Geschäftsführung noch im modernen Tech Gate Vienna-Park residiert, ist zweifellos ein unternehmerisches Ungeheuer: Sie gehört nicht weniger als 43 grossteils prominenten Gesellschaftern - von Berndorf bis Voestalpine, von BA-CA bis Magna Steyr, von Böhler-Uddeholm bis Wienstrom. Das eigentliche Unglück ist aber darin zu sehen, dass die Seibersdorfer zu 50,46 Prozent der Republik Österreich gehören. Was zum einen keine unabhängige, sondern eine nach Parteizugehörigkeit ausgewählte Chefetage bedeutet, und zum andern keine unabhängige, qualitätsorientierte Forschung möglich macht.

Was die Initiative "Pro Forschung" am Donnerstag als Forderungspaket auf den Tisch gelegt hat, ist voll zu unterstützen. Nur - ausreichend wird das wohl nicht sein. Denn in Wahrheit ist eines klar: So lange die Republik oder Herr Gorbach oder Herr Mainoni etwas zu reden haben - letztere sind ohne-dies Auslaufmodelle -, wird die Austrian Research Centers GesmbH nicht funktionieren können.

Das heisst: Die nächste Regierung sollte raschest einen Beschluss herbeiführen, demzufolge sich die Republik zur Gänze aus der ARC GesmbH zurückzieht - das würde der Forschung enorm helfen.

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