"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Kranke Spitäler" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 08.09.2006

Wien (OTS) - In Vorarlberg wird angesichts der für Ende des Jahres geplanten Schließung der Geburtenstation in Hohenems über die Zukunft des dortigen Krankenhauses diskutiert; in Feldkirch häufen sich Fehlleistungen; die medizinische Versorgung von Akutpatienten mit Herzinfarkt war in Vorarlberg bisher nicht rund um die Uhr gesichert; in Bregenz wird über Selbstbehalte der Stadt gestritten.
Bei alldem geht es vordergründig ums Geld. Die Diskussion über die Schließung einzelner Stationen verstellt aber den Blick aufs Ganze:
Ein vernünftiges Spitalskonzept liegt zwar in der Lade, wird aber schamhaft unter Verschluss gehalten.
In Wirklichkeit geht es nämlich längst nicht mehr bloß ums Geld. Es geht um die Qualität der medizinischen Versorgung, gleichzeitig aber auch um kostengünstige Strukturen. Sonst wird das System unfinanzierbar und darunter leidet erst recht wieder die Versorgung. In Österreich funktioniert das System noch. In den USA hingegen hat ohne dickes Bankkonto kaum jemand die Chance auf eine Organtransplantation. In Großbritannien werden Menschen ab einem bestimmten Lebensalter teure Therapien verweigert. "Wer in England als über 65-Jähriger ein Nierenleiden bekommt, macht besser gleich sein Testament", behauptet der Sozialwissenschafter Walter Krämer von der Universität Dortmund. Konkret: In Deutschland und Österreich kommen auf eine Million Einwohner jeweils rund 300 Dialysepatienten, in England mit seinen diesbezüglichen Restriktionen nur 80.
Das darf in Österreich nicht passieren, setzt aber äußerste Sparsamkeit überall dort voraus, wo es nicht um Qualität und Sicherheit der Versorgung geht. Also: Nur soviel Akutbetten wie tatsächlich notwendig, dafür aber ausreichend Nachsorge- und Pflegestationen. Bei kleineren Operationen tagesklinische Behandlung statt stationärer Aufnahme. Vor allem aber: Schwierigere Eingriffe nur dort, wo eine Mindestzahl an Fällen für ausreichende Praxis der Ärzte sorgt.
In Deutschland schätzt man, dass demnächst ein Fünftel aller Operationsarten (darunter beispielsweise Knieersatz) unter eine "Mindestmengen-Regelung" fallen wird. Werden die Zahlen unterschritten, zahlt die staatliche Krankenkasse die Operation an dieser Klinik nicht.
Auch in Vorarlberg mit seiner weit überdurchschnittlichen Spitalsdichte geht es längst nicht mehr um einzelne Stationen. Wir brauchen ein sinnvolles Gesamtkonzept mit deutlich weniger, dafür aber gut ausgerüsteten Spitälern, in denen die besten Ärzte hervorragende Arbeitsbedingungen vorfinden.
Das ist - auch - eine Frage des Geldes. Es ist aber vor allem eine Frage der Organisation, wie die knappen Mittel eingesetzt werden. Ein Politiker, der Bettenabbau und Spitalsschließungen nicht verhindert oder solche Maßnahmen gar propagiert, macht sich sicher nicht beliebt. Um die Gesundheit - und zwar nicht der Finanzen, sondern der Menschen des Landes! - würde er sich verdient machen.

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