"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Quote mit Natascha" (Von FRANK STAUD)

Ausgabe vom 6. September 2006

Innsbruck (OTS) - Das Schicksal von Natascha Kampusch lässt niemanden kalt. Der ORF kann bei der Ausstrahlung des Interviews heute Abend mit Rekordeinschaltquoten rechnen. Jeder will wissen, was jene Frau, die acht Jahre in menschenunwürdigen Verhältnissen gehalten wurde, selbst sagt.

Die wichtigste Frage ist wohl, wie es Kampusch geht und wie sie sich ihr künftiges Leben in Freiheit vorstellt. Ob sie diesem ganzen Medienrummel nach dem erlittenen Martyrium gewachsen ist, bleibt abzuwarten. Trotz bestmöglicher psychologischer Betreuung und medialer Vorbereitung kann niemand erwarten, dass die junge Frau in der Lage ist, ihre Situation selbst realistisch einzuschätzen.

Das beweist auch der von ihrem Psychiater in der Vorwoche vorgelesene Brief, in dem sich Kampusch als mit ihrem Entführer gleichberechtigt beschrieb: "Wolfgang P. war nicht mein Gebieter. Ich war gleich stark."

Dass Kampusch die Dinge binnen einer Woche völlig anders sieht, kann ausgeschlossen werden. Daher werden ihre Antworten kaum über den bereits veröffentlichten Briefinhalt hinausgehen. Dass sie mit Brille und Perücke auftritt, wird ihr wenig helfen. Denn nach dem ersten Interview beginnt die Medienjagd um das erste "echte" Bild. Die Paparazzi werden überall lauern.

In diesem Zusammenhang erscheint auch die Erklärung ihres Medienberaters grotesk, dass Krone und News die ersten Zeitungsinterviews bekamen, weil deren Verantwortliche "soziale Kompetenz" zeigten. In Wahrheit geht es nur ums Geld. Wer am meisten zahlt, bekommt die Story. Das ist legitim, sollte aber auch klar und deutlich ausgesprochen werden. Noch lächerlicher wirkt dagegen nur noch das neue Blatt Österreich, das aus Verzweiflung, nicht das erste Kampusch-Interview bekommen zu haben, vermeldete: "Wir wussten zuerst, dass Kampusch im Fernsehen auftritt." Gratuliere. Ein echter Traumstart.

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